Legacy Of The Dark Lands

BLIND GUARDIAN

BLIND GUARDIAN - Legacy Of The Dark Lands

Veröffentlicht am: 08.11.2019

Manche Dinge brauchen Zeit. Rom zum Beispiel wurde nun wirklich nicht an einem Tag erbaut und auch Professor Tolkien ließ seine Leser viele Jahre auf sein Jahrhundertepos »Der Herr der Ringe« warten. BLIND GUARDIAN wissen das besser als viele andere. Die Band ist bekannt dafür, jahrelang über ihren ausgefeilten Konzeptalben zu brüten - um sich dann jedes Mal aufs Neue in Sachen Epik, Bombast und Tiefgang zu übertreffen. Wenn also solch eine Institution, solch ein Fantasy Metal-Aushängeschild ganz bewusst ein nie dagewesenes Mammutprojekt ankündigt… dann sollte man, nein: dann muss man sich auf einen Sturm gefasst machen.

Ein Sturm, wohlgemerkt, der sich über 20 Jahre lang zusammenbraute, bis er zu einem Orkan angeschwollen war - und endlich entfesselt wird. Das hier ist ihr Rom, ihr »Der Herr der Ringe«. Eine Wasserscheide. BLIND GUARDIAN TWILIGHT ORCHESTRA ist zum Leben erwacht. Und in der Welt des sinfonischen Metal wird nichts wieder so sein, wie es war.

Das ist bemerkenswert, denn immerhin handelt es sich bei »Legacy Of The Dark Lands« gar nicht um ein Metalalbum im klassischen Sinne. Aufmerksame BLIND GUARDIAN-Kenner werden es längst geahnt haben: Dieses Werk ist tatsächlich das sagenumwobene, von langer Hand geplante und vor Ewigkeiten begonnene Orchester-Monumentalwerk einer der erfolgreichsten, legendärsten und prägendsten deutschen Metalbands. Schwer zu glauben und doch wahr: Eines der ambitioniertesten - und möglicherweise auch größenwahnsinnigsten - Projekte der Metalgeschichte ist Wirklichkeit geworden. „Ich bin sehr erleichtert, dass wir dieses Werk tatsächlich vollendet haben“, so Gitarrist André Olbrich. „Auf diesen Moment habe ich viele, viele Jahre gewartet.“

23, um genau zu sein: Die erste Idee für ein reines Orchesteralbum reicht bis ins ferne Jahr 1996 zurück. „Als wir damit anfingen, hätten wir beide niemals gedacht, dass wir uns über einen solch langen Zeitraum damit beschäftigen würden“, sagt Hansi Kürsch, der natürlich auch diesem Mammutprojekt seine unvergleichliche Stimmgewalt leiht. „Wir kamen damals ja wie die Jungfrau zum Kind zu diesem Orchesterprojekt - und plötzlich entwickelte sich solch ein Monster daraus.“ Ein Monster, wohlgemerkt, das die beiden bis zum Schluss zu bändigen wussten. „Ich war schon nach unserem ersten fertigen Song Feuer und Flamme für die Idee“, so Olbrich. „Ich spürte, dass das hier etwas Neues war, etwas ungemein Kreatives. Es gab und gibt einfach nichts Vergleichbares.“ Das stachelte die beiden an - und war zudem ein guter Ausgleich zum normalen Tagwerk. „Wenn ich mal nicht weiterkam, setzte ich mich an das Orchesterprojekt und bekam den Kopf wieder frei“, meint Olbrich. Letzten Endes profitierten alle davon, so der Gitarrist: „Vieles von dem, was wir bei diesem Album gelernt haben, konnten wir schon in die letzten BLIND GUARDIAN-Werke einfließen lassen. Eine Nummer wie beispielsweise 'And Then There Was Silence' hätte es ohne dieses Projekt nie gegeben.“

Jetzt ist »Legacy Of The Dark Lands« da. Und macht sprachlos. Mit der ungebremsten Allmacht des 90-köpfigen Prague Filmharmonic Orchestra im Prager Rudolfinum aufgenommen, entfachen BLIND GUARDIAN TWILIGHT ORCHESTRA einen Klangsturm, der sich nicht hinter den ganz großen Fantasy-Soundtracks verstecken muss. Und nicht nur das: Erdacht und konzipiert mit Fantasy-Großmeister Markus Heitz, liefert dieses Album die direkte Fortsetzung seines Bestsellers »Die dunklen Lande«, der in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs und direkt hinein in ein apokalyptisches Geheimnis führt. Monumental, düster, ergreifend, voller Hymnen und großer Refrains: Das hier ist BLIND GUARDIAN pur. Nur eben ohne Gitarren.

Dass es eines Tages zu einem solchen Monument orchestraler Brillanz kommen musste, deutete sich lange Jahre an. 1984 in Krefeld gegründet und ab 1987 unter dem Namen BLIND GUARDIAN aktiv, prägte die Band das Genre des deutschen Speed Metal musikalisch wie inhaltlich. BLIND GUARDIAN waren die ersten, die sich in ihren Texten Mittelerde und der Mythologie J.R.R. Tolkiens hingaben - viele Jahre vor den Verfilmungen, wohlgemerkt. Mit den Neunzigern zogen vermehrt orchestrale und sinfonische Elemente in den bombastischen Sound der Band ein; all das gipfelte im 2015 bei Nuclear Blast erschienenen Referenzwerk »Beyond The Red Mirror«, das die 1995 auf »Imaginations From The Other Side« begonnene Geschichte fortschrieb.

Partituren, Dirigenten, dutzende Musiker: »Legacy Of The Dark Lands« ist selbst für BLIND GUARDIAN eine andere Liga. „Die Größe des Orchesters im Mix einzufangen, war eine ganz schön harte Nuss“, bekennt Olbrich. „Wir waren ja live bei den Aufnahmen dabei und da klang es absolut überwältigend.“ Er lacht. „Wir mussten nur einen Weg finden, das auf einen Tonträger zu bannen.“ Auch Hansi Kürsch stand vor großen Herausforderungen: „Gegen ein Orchester anzusingen, verlangte mir einiges mehr ab als ich es vom Performen mit einer Metalband gewohnt bin. Das war ein langer Findungsprozess, bei dem ich jedes Stück des Albums in drei verschiedenen Versionen eingesungen habe - von archetypisch BLIND GUARDIAN bis Klassik. Ich tauchte richtig ab in diese Welt und experimentierte mit verschiedenen Texten, um zu schauen, welche Worte am besten klingen.“ Die richtigen Worte zur richtigen Zeit, das weiß auch Hansi Kürsch, haben die Gabe, die Welt zu verändern.

Man merkt schon: All das kostete sehr viel Zeit, Mühe, Schweiß und Nerven, aber: Sie haben es tatsächlich geschafft. Gekrönt von einer düsteren Geschichte, die förmlich nach einer opulenten Verfilmung kräht, ist das hier der Gipfel einer über 20-jährigen Expedition. Es ist das Projekt aller Projekte, eine Errungenschaft, die der Krone BLIND GUARDIANs einen weiteren funkelnden Edelstein einbringen wird. Ein Werk, beseelt vom Geiste BLIND GUARDIANs, ausformuliert als monumentaler Fantasy-Soundtrack und gesprochen von Stimmen, die schon auf dem legendären »Nightfall In Middle-Earth« zu hören waren - ein hübsch nostalgischer Bogen von der Gegenwart zu den Ursprüngen dieses Projekts. Und auch wenn »Legacy Of The Dark Lands« erst noch veröffentlicht wird, so rattert es in den Köpfen von Kürsch und Olbrich schon jetzt mächtig: Verfilmung? Bühnenstück mit Orchester und Lesung? Metalfassung? „Sagen wir so“, meint Olbrich schmunzelnd, „wir haben schon wieder viel mehr Ideen als wir Zeit haben.“ Das ist in Ordnung. Die nahe Zukunft wird sowieso von »Legacy Of The Dark Lands« beherrscht werden.

Tracklist
1 - 1618 Ouverture
2 - The Gathering
3 - War Feeds War
4 - Comets And Prophecies
5 - Dark Cloud's Rising
6 - The Ritual
7 - In The Underworld
8 - A Secret Society
9 - The Great Ordeal
10 - Bez
11 - In The Red Dwarf's Tower
12 - Into The Battle
13 - Treason
14 - Between The Realms
15 - Point Of No Return
16 - The White Horseman
17 - Nephilim
18 - Trial And Coronation
19 - Harvester Of Souls
20 - Conquest Is Over
21 - This Storm
22 - The Great Assault
23 - Beyond The Wall
24 - A New Beginning