Black Frost

NAILED TO OBSCURITY

NAILED TO OBSCURITY - Black Frost

Veröffentlicht am: 11.01.2019

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Esens, Deutschland. Im beschaulichen Küstengebiet Niedersachsens gelegen, wo die Nordsee gegen die Ostfriesischen Inseln brandet, ist die Zeit an diesem 7.000-Seelen-Städtchen vorbeigezogen. Die meisten Leute haben den Namen Esens, wo einst der Barock-Komponist Philipp Heinrich Erlebach zu Hause gewesen ist, vermutlich noch nie gehört. Und falls er ihnen schon einmal begegnet ist, haben sie ihn wahrscheinlich mit Essen, Deutschlands neuntgrößter Stadt, verwechselt. Aber das wird sich bald ändern. Verwechslungen werden weiterhin nicht vermieden werden können, doch die Tatsache, dass die aufstrebenden Death Metaller von NAILED TO OBSCURITY kurz davor stehen, Esens in Form ihres Nuclear Blast-Debüts »Black Frost« auf der musikalischen Landkarte zu etablieren, verspricht Besserung.

2005 von den zwei Jugendlichen Jan-Ole Lamberti (Gitarre) und Volker Dieken (Gitarre) gegründet, durchlebten auch NAILED TO OBSCURITY die üblichen Höhen und Tiefen einer jeden Band. Ihr Name geht übrigens auf einen Songtitel von HATE ETERNALs Debütalbum »Conquering The Throne« zurück, aber das ist eine andere Geschichte. Bereits wenige Monate nach ihrer Gründung veröffentlichten NAILED TO OBSCURITY ihr erstes Demo, »Our Darkness«. Von Line-up-Wechseln blieb die Band allerdings nicht verschont. Die beiden Hauptsongwriter Lamberti und Dieken hielten die Truppe jedoch am Leben und rekrutierten im Zuge dessen kurz darauf Jann Hillrichs (Schlagzeug) und Carsten Schorn (Bass) für die Rhythmussektion. Während das Bestehen der meisten Bands von Plattenverträgen bestimmt wird, hielten NAILED TO OBSCURITY durch und veröffentlichten 2007 in Eigenregie ihr Debütalbum »Abyss«. Als sie 2013 »Opaque« und 2017 »King Delusion« über das deutsche Independent-Label Apostasy Records veröffentlichten, waren sie mehr oder weniger eine komplett neue Band. BURIAL VAULT-Fronter Raimund Ennenga hatte 2012 Alexander Dirks ersetzt, der Rest ist, zumindest aktuell, Geschichte.

Heute ist NAILED TO OBSCURITY nach wie vor Lambertis und Diekens „Spielwiese“, doch das Duo ist weit von autoritärem Songwriting entfernt. Sprich: Auch wenn die beiden Gitarristen den kreativen Kern bilden, so komplettieren NAILED TO OBSCURITY ihre Songs doch als Einheit. Sie tüfteln gemeinsam an Ideen, Strukturen und Arrangements, die sie sich gegenseitig statt vor dem Computer oder alleine zuhause vorspielen. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Obgleich sich die Aufnahmetechnik rasend schnell entwickelt und die Bandmitglieder in ganz Deutschland verteilt sind, trifft sich das Quintett nach wie vor am Wochenende im Esenser Proberaum, um gemeinsam zu schreiben. Und genau auf diese Art und Weise ist auch ihr neuestes Werk »Black Frost« entstanden.

„Normalerweise schreiben Volker [Dieken] und ich den Großteil der Musik“, erklärt Jan-Ole Lamberti. „Wir schreiben die ganzen Riffs und sammeln die Grundideen für die Songs. [Für »Black Frost«] haben wir vor einem Jahr damit begonnen. Wir haben wie üblich wochenends am neuen Material gearbeitet. Da wir mittlerweile nicht mehr allzu nahe beieinander wohnen, hatten wir aber auch schlichtweg keine andere Wahl. Also haben wir im September oder Oktober losgelegt, ehe wir uns im Januar mit dem Rest der Band zusammengesetzt haben, um die eigentlichen Songs zu arrangieren und weiterzuentwickeln. Ab März haben wir dann immer von Freitagabend bis Sonntagabend geprobt und das Album währenddessen geschrieben. Natürlich hatten Volker und ich die Möglichkeit, selbst Ideen aufzunehmen, doch die Songarrangements haben wir mit der kompletten Band im Proberaum vollendet, wie wir es eben schon immer gehandhabt haben. Und bis dato sind wir mit dieser Vorgehensweise ziemlich gut gefahren.“

Songs wie 'Tears Of The Eyeless', 'The Aberrant Host', 'Road To Perdition' sowie der herausragende Titeltrack sind nur einige Resultate von NAILED TO OBSCURITYs „Wochenendausflügen“ in die Tiefen des Melodic Death Metal (und darüber hinaus). Die Windeseile, in der »Black Frost« geschrieben worden ist, hat jedoch keinerlei Auswirkungen auf die Klasse der neuen Stücke hinterlassen. Während »King Delusion« seinen Fokus auf die Kombination von Melodie und Härte gerichtet hatte, erfindet sich die Band auf »Black Frost« neu. Manche mögen diesen Prozess auch Reife oder das Verlangen, Ideen anders zu präsentieren, nennen. NAILED TO OBSCURITYs neue Songs sind rastlos, lassen den Hörer einfach nicht zur Ruhe kommen und gipfeln in den packenden, aber finsteren psychosozialen Texten Ennengas. Sie sind schlicht allgegenwärtig. Sie werden von Lambertis und Diekens herrlichen Leads, melancholischer Dissonanz sowie behutsamer Introspektion geleitet, doch Hillrichs, Schorn und Ennenga, dessen eindringlichen Growls auf jeden Fall Gehör geschenkt werden sollte, lassen die Tracks erst ihre volle Wirkung entfalten. Eines steht fest: Mit »Black Frost« hat die Band etwas wirklich Außergewöhnliches geschaffen.

„Zu Beginn hatten wir ein Problem [bei der Entstehung von »Black Frost«]“, erzählt Lamberti. „Wir haben versucht, mit derselben Art und Weise ranzugehen, wie wir es schon bei unserer vorherigen Platte »King Delusion« gemacht hatten. Was ich damit sagen will, ist, dass der Vorgänger »King Delusion« unser erstes Album war, mit dem wir komplett zufrieden gewesen sind. Doch dann sind wir an einem Punkt angelangt, an dem uns klar geworden ist, dass das nicht erneut funktionieren konnte. Der Nachfolger würde wie eine »King Delusion«-Kopie und definitiv nicht besser klingen. Also haben wir alles über den Haufen geworfen und nochmal von vorne angefangen. Damit hat quasi das eigentliche Songwriting begonnen. Fortan war es unser Hauptziel, etwas anderes zu machen. Ich denke, dass »Black Frost« nach NAILED TO OBSCURITY - unsere Handschrift ist klar zu erkennen - aber doch irgendwie anders klingt. Die klassischen Leads, die wir auf den beiden Vorgängern hatten, haben wir reduziert, um dieses Mal mit den Gitarren mehr Atmosphäre erzeugen zu können.“

Was die Texte anbelangt, setzt Ennenga auf »Black Frost« erneut seine Faszination für innere Kämpfe, Konflikte und Selbstkontrolle um. Der Albumtitel geht auf eine Theorie aus der Schifffahrt zurück, die besagt, dass Schiffe auf See durch schwarzen Frost, eine Naturerscheinung, bei der Nebel oder Regen an Tauen und Mästen gefriert, aus dem Gleichgewicht geraten und dadurch leicht kentern können. Ennenga hat sich diesem Konzept angenommen und es versucht auf Menschen zu übertragen, die Probleme damit haben, Angst, Ärger oder Wut zu kontrollieren. Es ist eine Art Appell an uns, dass wir den schwarzen Frost daran hindern sollen, Kontrolle über unseren Verstand zu gewinnen.

„Es ist kein reines Konzeptalbum“, verrät Ennenga. „Es gibt verschiedene Themen, über die ich singe. Allgemein basieren sie auf möglichst interessanten Metaphern aus eigenen Problemsituationen, inneren Kämpfen und Konflikten. So bin ich auf »Opaque« und »King Delusion« schon vorgegangen. Für »Black Frost« habe ich denselben Weg eingeschlagen, jedoch haben wir hier ein ganz anderes Bild vorliegen, die Metaphern sind einfach anders. Es ist schwer für mich, über die Texte zu sprechen, da sie recht abstrakt sind. Sagen wir es mal so: Wir alle machen in unserem Leben verschieden Phasen durch. Was zwischen »King Delusion« und »Black Frost« passiert ist, hat mich sehr beeinflusst und »Black Frost« fasst quasi all jene Ereignisse zusammen. Es greift Ereignisse auf, die Seele und Verstand belasten. Das Album beschäftigt sich damit, was mit uns passiert, wenn wir mit derartigen Dingen kämpfen oder fertig werden müssen. So geht es beispielsweise in manchen Songs um Angst. Man stelle sich nur einmal vor: Man ist alleine in einem Raum, aber hat ständig das Gefühl, dass dem nicht so ist. Es ist niemand um einen herum, aber etwas ist ständig präsent. Folglich würde ich sagen, dass »Black Frost« vom Ringen mit dem eigenen Verstand handelt. Andererseits mag ich es aber auch, anderen Leuten die Interpretation der Texte zu überlassen.“

Für die Vorproduktion (Ausgestaltung der Songs usw.) von »Black Frost« haben NAILED TO OBSCURITY im Sommer eine Woche in V. Santuras Woodshed Studio bei Landshut verbracht. Die Deutschen kehrten etwas später für weitere drei Wochen zu ihm zurück, um sich den restlichen Songs sowie den Aufnahmen zuzuwenden. Jeden Tag waren sie acht Stunden damit beschäftigt, Songs wie 'Feardom', 'Cipher', and 'Resonance' (den letzten Song, den sie für »Black Frost« fertiggestellt haben) auf digitales „Band“ zu bannen. In diesem Rahmen haben NAILED TO OBSCURITY auch viel Verantwortung auf Studiobesitzer V. Santura übertragen: So war er neben den Aufnahmen auch für die Produktion, den Mix und das Mastering von »Black Frost« verantwortlich.

„Als wir damals für die Aufnahmen von »King Delusion« das Studio zum ersten Mal betreten haben, hat sich zugleich auch zum ersten Mal alles richtig angefühlt“, betont Lamberti. „Wir hatten in V. Santura nicht nur einen Tontechniker, sondern auch einen Produzenten an unserer Seite. Er hat uns einfach verstanden und wir haben ihn verstanden. Er ist wirklich immer ehrlich zu uns gewesen. Wenn ihm etwas nicht gefällt oder er das Gefühl hat, dass etwas nicht gut klingt, dann sagt er uns das. Genau das wissen wir so sehr an ihm zu schätzen. Wenn V. Santura andererseits einen unserer Songs für gut befindet, kann das eigentlich auch nur heißen, dass er ziemlich gut ist. Ich würde zusammengefasst einfach sagen, dass wir uns gegenseitig gut lesen können. Des Weiteren sind wir Fans der Bands, in denen V. Santura aktiv ist und die er produziert. Er ist wirklich ein Spitzentyp und ein klasse Toningenieur. Einfach der perfekte Produzent für uns. Uns blieb letztendlich keine andere Wahl, als zurück zu V. Santura in sein Woodshed Studio zu gehen.“

Doch NAILED TO OBSCURITY sind nicht nur alte Wege gegangen, was die Produktion mit V. Santura anbelangt: Die Fünf haben auch den argentinischen Surrealisten Santiago Caruso (STARGAZER, OCTOBER FALLS) erneut für die Gestaltung des Coverartworks von »Black Frost« auserkoren. Caruso mag nicht wirklich mit der Metalmaterie vertraut sein, aber er weiß die Musik der Band und die Dunkelheit, die sie widerspiegelt, zu verstehen. Des Weiteren besitzt er ein Faible für Düsteres. So hat das Mitglied des Beinart Surreal Art Collective in diesem Fall seine eigene Dunkelheit in sein Werk (man sehe sich nur das 'El Jardin De Las Tumbas'-Gemälde an) einfließen lassen, was wiederum NAILED TO OBSCURITY sehr gut nachvollziehen können.

„Wir haben ihm die Texte und den Albumtitel zukommen lassen“, erinnert sich Ennenga zurück. „Er hat um ein bisschen mehr Freiheit gebeten, wollte jedoch keine Skizzen schicken. Für »King Delusion« haben wir vorab Entwürfe zur Ansicht bekommen, bevor wir die Endfassung freigegeben haben. Doch dieses Mal hat er direkt losgelegt, uns aber Einblicke in die verschiedenen Schaffensphasen gewährt. Wir waren von Anfang an begeistert, denn das Cover verkörpert die Thematik der Platte perfekt. Er ergänzt sich einfach perfekt mit NAILED TO OBSCURITY.“

Wo »Black Frost« NAILED TO OBSCURITY fortan hinbringen wird, ist auf Tour. So sehr die deutsche Truppe den Kreativprozess und die Studioarbeit auch genießen mag, so ist sie im Endeffekt doch eine Liveband, eine ziemlich gute noch dazu. Diesen Status belegen ihre zahlreichen Auftritte als Support von ARCH ENEMY, PARADISE LOST, AT THE GATES oder auch DARK TRANQUILLITY. Zu guter Letzt sind NAILED TO OBSCURITY auch schon bei großen Festivals (u.a. Wacken Open Air, Party.San Metal Open Air, Bloodstock Open Air) vor tausenden Leuten aufgetreten. Also, seid auf der Hut vor NAILED TO OBSCURITY! Sie werden 2019 mit »Black Frost« einfach überall sein.

Tracklist
1 - Black Frost
2 - Tears Of The Eyeless
3 - The Aberrant Host
4 - Feardom
5 - Cipher
6 - Resonance
7 - Road To Perdition
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