TIAMAT
Vollkommene Unvollkommenheit
Seit dem 2003 erschienenen Opus »Prey« haben sich TIAMAT rar gemacht und beschränkten ihre Lebenszeichen auf wenige Live-Auftritte pro Jahr. Doch wer annimmt, die vier Schweden hätten auf der faulen Haut gelegen und einen XXL-Urlaub genossen, irrt gewaltig.
Licht ins Dunkel der zurückliegenden Halbdekade bringt der Opener des aktuellen Albums »Amanethes«, in dem von "five years of thunder and lightning" die Rede ist ? eine durchaus treffende Bilanz der jüngsten Vergangenheit, wie Mastermind Johan Edlund bestätigt. "Zwar fühlten wir uns generell noch nie dazu verpflichtet, auf Biegen und Brechen eine CD zu veröffentlichen, nur weil es mal wieder an der Zeit dafür wäre, aber speziell in den letzten fünf Jahren ist so manches passiert, was unsere ganze Energie in Anspruch nahm. Wir mussten uns um einen neuen Plattenvertrag kümmern, und auch privat befanden wir uns im Umbruch. Mein Leben war ein ziemliches Chaos, meine langjährige Beziehung ging in die Brüche, und ich zog mehrmals um. Letztendlich fand ich eine neue Liebe in Griechenland, wo ich mittlerweile auch lebe."
Die Trauergesänge, welche in Edlunds ägäischer Wahlheimat an den Gräbern verstorbener Familienangehöriger angestimmt werden, inspirierten den Freidenker auch zu Titel und Thematik von »Amanethes«, wenngleich im übertragenen Sinn. "Nicht der Tod einer Person wird hier beklagt, sondern vielmehr das Sterben der gesamten Menschheit", erklärt Johan. "Einige der Songs sind sehr misanthropisch angelegt. 'Summertime Is Gone' steht beispielsweise metaphorisch dafür, dass die Blütezeit der Vergangenheit angehört. Ich hasse es zwar, dem Bild eines düsteren Pessimisten zu entsprechen, aber manchmal kann ich einfach nicht anders, weil es verdammt schwierig ist, etwas Positives an den Zukunftsperspektiven zu entdecken. Vor allem für die Menschheit sehe ich kaum einen Hoffnungsschimmer, weshalb ich versuche, meine Aufmerksamkeit den kleinen Freuden des Lebens beziehungsweise anderen Problemen zu widmen."
Im Mittelpunkt dieser Bemühungen stehen selbstredend TIAMAT sowie Edlunds Soloprojekt LUCYFIRE, für die er gleichermaßen den Mut zu kleinen Makeln zur obersten Maxime erhoben hat. "Heutzutage muss ja alles immer perfekt sein, was viele Musikproduktionen recht leblos wirken lässt. Dabei sind es doch Personen aus Fleisch und Blut, die die Instrumente spielen", sinniert der Sänger. "Wir haben uns die moderne Technik lediglich in punkto Aufnahmemöglichkeiten zu eigen gemacht und setzen Computer nur dazu ein, unser Material auf Harddisk zu bannen. Von irgendwelchen digitalen Bearbeitungen lassen wir aber die Finger, mir ist es lieber, die Songs so lange neu aufzunehmen, bis ich damit zufrieden bin, wobei ich gar nicht versuche, vollkommen zu sein. Wir sind ja auch alles andere als perfekt", schmunzelt Edlund. "Ich schäme mich nicht dafür, dass wir nicht immer genau im Takt spielen und in einem Gitarrensolo auch mal die eine oder andere Note verhauen. Genau darin liegt für mich der Charme des Authentischen."
Daniela Sickinger
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