Keine Geheimniskrämer
Nunmehr ist es soweit, ein neues THERION-Album ist erschienen, welches die stetige Entwicklung dieser Ausnahmeband eindrucksvoll dokumentiert. Bandleader Christofer Johnsson ist rundum zufrieden mit "The Secret Of The Runes" und nahm sich gut gelaunt die Zeit, ausführlich Rede und Antwort zu stehen.
Kein Wunder, gibt es doch auch viel zu erzählen seit dem letzten Album "Deggial". Und das, obwohl seit dessen Veröffentlichung noch nicht allzuviel Zeit verstrichen ist. "Wir haben danach unsere erste Headlinertour seit 1996 (damals mit VOIVOD und FLOWING TEARS, zwei wirklich guten Bands) absolviert, und uns dann erstmal einen wohlverdienten Urlaub gegönnt. Ich bin dabei nach Bayern gefahren um ein wenig Zeit in den Bergen zu verbringen, etwas Hefeweizen zu trinken, Freunde zu treffen und Schafe zu füttern. Nachdem mir das Bier ausging (und das Brot für die Schafe) kam mir die Idee ein eigenes Studio zu bauen um dort die nächste THERION-Scheibe aufzunehmen. Offensichtlich hatten auch Nuclear Blast kräftig gebechert, denn sie mochten die Idee und schickten mir einen kräftigen Vorschuß. Das war sehr cool von ihnen und zeigt, dass unsere Beziehung zueinander sehr gut ist. Im letzten November fingen wir also damit an. Unser Schlagzeuger Sami war der Baumeister, und irgendwann im Januar waren wir fertig. Dann machten wir uns direkt an eine Vorproduktion des neuen Albums " Allerdings wurde der Zeitplan dann etwas durcheinandergebracht, denn einige Tourangebote standen ins Haus. "Eine kleine Tour nach Holland, Belgien, Polen und Griechenland folgte. Wie bei der letzten Tour zogen wir uns auch dort eine Lebensmittelvergiftung zu. Aber wenigstens landete diesmal keiner im Krankenhaus. Und ich war diesmal auch nicht derjenige dem es am dreckigsten ging. Nach zwei ernsthaften Vergiftungen auf Tour war ich auch vorsichtig genug. Scheinbar war es diesmal auch kein verdorbenes Essen sondern eine bakterielle Infektion. Sarah wurde als erste krank, und so langsam griff es auf die anderen über. Ich versuchte zwar mich so gut wie es nur ging von allen fern zu halten, aber so ganz gelang es mir nicht. Auf der nächsten Tour werden wir halt nur noch Bier trinken und nichts mehr essen." Naja, 'flüssiges Brot' soll ja ganz nahrhaft sein, aber ob das auf Dauer gesund ist? Wie dem auch sei, die Vorproduktion des Albums begann nur kurze Zeit später, "und im April begannen die eigentlichen Aufnahmen. Während ich das hier schreibe, haben wir gerade die Aufnahmen der Orchester-Passagen abgeschlossen und fügen noch einige Gitarren hinzu. Nächste Woche gehen wir dann ins Finnvox Studio und mischen alles ab." Und was das 'alles' betrifft, dabei handelt es sich natürlich um "Secret Of The Runes", da der Titel bislan nicht gefallen ist. Erneut klingt dieser sehr bedeutungsschwanger, was eigentlich merkwürdig ist, da Christofer normalerweise nicht gerne über okkulte Dinge bzw. seinen Glauben redet. Aber bei solchen Titeln sind gezielte Fragen natürlich nicht auszuschließen. "Okay, das ist wahr. Aber dieses Mal ist der Titel an die alte nordische Mythologie angelehnt und nicht annähernd so abstrakt wie die Themen der letzten Alben. Außerdem ist es nun ein Konzept-Album, deshalb bin ich den umgekehrten Weg gegangen und werde mich diesmal offen zu den Inhalten äußern. Sogar im CD-Booklet sind Infos zu finden." Ganz nett, aber du wirst uns doch sicher ein paar Tipps geben können, oder? "Das Konzept handelt von Odins Ritual, wie er sich im Weltbaum Yggrasil erhängte, wo er durch die neun Welten der nordischen Mythologie reiste und achtzehn Runen fand. Das Album beginnt mit einem Prolog welcher in Zusammenhang steht mit der Erschaffung der Welt nach heidnischer Sicht, und führt dann von einer Welt in die andere, durch neun Songs. Darauf folgt der Epilog, welcher der Titelsong ist, und gibt die Quintessenz der gesamten Geschichte wieder. Das Wort 'Rune' bedeutet ja eigentlich 'Geheimnis', der Titel würde also heißen 'The Secrets Of The Secrets'. Was ist also das Geheimnis der Runen? Dass sie ein Geheimnis verbergen! Sie sind nicht nur Buchstaben im nordischen Alphabet, sondern besitzen auch eine esoterische Bedeutung. Einige Nachforschungen weisen darauf hin dass sie anfangs nur als magische Symbole verwandt und erst später als ein Alphabet benutzt wurden." Was man vielleicht auch auf THERION übertragen kann, die trotz intaktem Bandgefüge meist als Soloprojekt betrachtet wurde, aber seit einiger Zeit auch eindeutig Bandcharakter besitzt. "Ich habe auch versucht diesen Mythos, egozentrisch zu sein, nach und nach zu zerstören, aber scheinbar glauben mir viele Leute nicht. THERION war schon immer eine Band, in der alle Musiker ihre Ideen einbringen konnten. "Vovin" mal ausgenommen, das war wirklich mehr ein Soloprojekt von mir mit diversen Gastmusikern. Bereits auf "Theli" ließen wir mit 'Siren Of The Woods' sogar den einzigen Song, welchen ich nicht selbst geschrieben hatte, als Single auskoppeln." Und auf der neuen Scheibe hat Gitarrist Kristian beispielsweise den Opener des Albums zu 75% verfaßt, und wird laut Christofer auf der nächsten Scheibe noch größeren Einfluß auf das Material haben. Den Vorteil, den THERION mittlerweile besitzen ist der, ein gut ausgestattetes Studio ihr Eigen zu nennen und dort ohne Zeitdruck an Ideen feilen zu können. Ein logischer Entschluß letztendlich, da die Produktion des letzten Albums bereits über 100.000 DM verschlang und auf lange Sicht ein eigenes Studio einiges an Geld sparen würde. Allerdings wird die Band wohl immer zum Mix in ein anderes Studio gehen. Dieses Mal hat man sich für das Finnvox Studio entschieden. "Nach reiflicher Überlegung denke ich, dass wir niemals ein Studio mit einem standesgemäßen Mischpult haben werden, deswegen sind wir froh, unsere Alben dort abmischen zu können", erklärt Christofer. "Das Problem ist nicht unbedingt die Qualität des Mischpults, denn wir haben ein ziemlich gutes, das in vielen Studios verwendet wird. Es ist vielmehr die Anzahl der möglichen Kanäle. Das neue THERION-Album wird eine 64-Kanal Aufnahme werden (Ja, wir haben ein noch größeres Orchester dieses Mal, gut geraten!), und wir haben nur die Möglichkeit, bei uns 24 Kanäle abzumischen. Das reicht zwar für die meisten Bands, aber nicht für uns. Es gibt halt Studios die Mischpulte in der Preisklasse von über eine Million DM besitzen, also egal was wir kaufen würden, es gibt halt bessere. Mit dem Geld, das wir bei der Aufnahme sparen, da wir nun ein eigenes Studio besitzen, können wir uns in Zukunft also noch bessere Studios und noch größere Orchester oder Chöre leisten. Mein Hauptanliegen ist es, aus dem uns zur Verfügung stehenden Budget das meiste herauszuholen." Zumal Christofer mittlerweile genug Erfahrung in diesen Dingen besitzt. "Ja, nach fünfzehn Alben mit diversen Bands (das ist nun mein sechzehntes) weiß ich so langsam wie die Dinge ablaufen. Wie auch immer, Studiotechnik hat mich eigentlich nie sonderlich interessiert, deshalb bin ich sehr froh, dass Sami sich darin gut auskennt." Sami wird letztendlich die Aufgabe des Engineers übernehmen, wobei die Band anfangs noch eine Person als Überwacher für die Aufnahme der klassischen Instrumente hinzuziehen wollte. "Im Endeffekt übernahmen wir die Aufnahmen aber ganz allein. Wir hatten bereits einige Erfahrungen mit der Aufnahme von 'Summernight City' für das ABBA-Tribut Album, erkundigten uns welche Mikros für welche Insturmente die besten sind, wo man sie plaziert und so weiter. Den Mix hat letztendlich Mikko Karmila übernommen". Und so wie man die Band bislang kennengelernt hat, wird der Sound wieder höchsten Ansprüchen gerecht werden, ebenso wie die Musik. Freut euch also auf den Tag, an dem ihr das 'Geheimnis der Runen' lüften könnt!
(Jochen Ritter)