Es ist nicht etwa der Erfolg der frühen Jahre, den Lenny Wolf mit dem Namen seiner Band Kingdom Come assoziiert, und ebenso wenig sind es die damaligen Hits seiner langen Karriere. Was ihn wirklich interessiert ist die Gegenwart. Etwa ein Widerspruch angesichts des neuen Albums Rendered Waters, das am 25. März 2011 (Europa: 28. März 2011, USA/Kanada 05. April 2011) in die Läden kommt und auf dem acht bekannte und drei neue Stücke zu finden sind? Mitnichten. Ganz im Gegenteil: Denn alle elf Tracks wurden neu in Wolfs Hamburger ´Two Square Noise Factory`- Studio eingespielt. Und es sind insbesondere die aktualisierten Versionen bislang mehr oder weniger bekannter Songs, die Kingdom Come als Band mit Bezug zur Gegenwart und konsequentem Blick in die Zukunft ausweisen: „Ich habe bewusst Stücke von ganz früher ausgewählt, die wir heute in unseren Konzerten teils völlig anders spielen und fühlen, und die natürlich anders klingen“, erklärt Wolf. „Die Hörgewohnheiten haben sich im Laufe der Zeit geändert, und dementsprechend fand ich, dass es eine gute Zeit ist, das Potenzial einiger Songs anzupassen und neu aufzulegen.“
Man nehme nur einmal die Nummer ´Should I`, die in der neuen Version spürbar langsamer, fast schon träge und damit deutlich heavier gespielt wird. „Auf Rendered Waters ist das Stück so zu finden, wie ich es heutzutage höre“, sagt Wolf, „die Drums sind offener und dynamischer, die Gitarren klingen röhriger und das ganze Feeling ist auf 2011 getrimmt. Natürlich lassen sich Songs nur in Maßen ändern, ohne den Charakter und Leitfaden vollkommen zu ändern.“ Gleiches gilt auch für ´I´ve Been Trying`, ´Pushing Hard` oder ´Living Out Of Touch`, allesamt nicht neu erfunden aber mit wirklich frischem Anstrich. Zudem hat Wolf beispielsweise der Nummer ´I´ve Been Trying` eine neue Strophe verpasst und das Arrangement verändert, sowie auch ´Seventeen` ins Jahr 2011 geholt. „´Seventeen` ist ein echter Stempelsong für Kingdom Come, der immer ein wenig untergegangen ist, wohl auch weil er keinen kommerziellen Ansatz hatte, sondern eine ganz eigene vibration transportiert, die man entweder liebt oder nicht. In der neuen Version wird er sicherlich mehr Beachtung finden.“
Und es gibt ein weiteres Argument gegen jeglichen Anflug eines Verdachts, dass Lenny Wolf hier nur Bewährtes aufwärmen will: Die großen Klassiker, welche Kingdom Come auf die Weltplattform katapultierten, werden auf Rendered Waters nicht berücksichtigt. Also absichtlich kein ´Get It On`, kein ´What Love Can Be` kein ’Do you like it’ oder ´Twilight Cruiser`, allesamt Höhepunkte der Kingdom Come-Laufbahn und in der Urversion nicht wirklich zu übertreffen. Dagegen zeigen Kingdom Come mit ´Break Down The Wall`, einem Track von Stone Fury – quasi dem US Vorläufer von Kingdom Come –, dass ihre Kompositionen zeitlos sind und in die Gegenwart passen. „Es war mega-interessant, diesen Nummern einen der Zeit gerechteren Sound zu verpassen. Es gibt Produktionen aus den Siebzigern, welche genau von dem Charme der alten Aufnahmetechnik leben, und die man auf keinen Fall anfassen sollte.“ Die 80ger, so Wolf, lassen Veränderungen schon eher zu.
Dabei darf man natürlich nicht die drei brandneuen Tracks vergessen, die in typischer Kingdom Come-Manier von starken Hooklines und Wolfs charismatischen Gesang geprägt sind. Mit ´Blue Trees`, ´Is It Fair Enough` und ´Don´t Remember` dokumentiert der Hamburger Künstler, dass seine Kompositionen trotz aller Vielschichtigkeit immer eine eigene Handschrift tragen, und mal wieder die Abneigung zum Folgen irgendwelcher Trends zeigen. Ob man es mag oder nicht, er zieht seinen Stiefel durch. Obwohl Lenny Wolf auf Rendered Waters erneut nahezu alle Instrumente selbst eingespielt, das Album selbst produziert und gemischt hat, sollten zwei wichtige Beteiligte erwähnt werden: Kingdom Come-Gitarrist Eric Förster hat die vom Wahnsinn getriebenen Soli eingespielt, und gemastert wurde die Scheibe von Hanan Rubinstein, einem in Berlin lebenden Amerikaner, der dem Album den letzten wichtigen Schliff gab.
Zum Schluss noch ein paar Fakten für historisch Interessierte: Kingdom Come formierten sich im Jahr 1987 in Los Angeles, USA. Neben Sänger Lenny Wolf, der einzige Deutsche im Bunde, gehörte unter anderem auch der heutige Scorpions-Schlagzeuger James Kottak zur Erstbesetzung. Das sensationelle Debüt Kingdom Come stieg auf Platz 12 der US-Charts und bekam in Amerika eine Gold-Schallplatte verliehen, auch das Folgewerk In Your Face platzierte sich hoch in den internationalen Verkaufsranglisten. Ihr imposantes und künstlerisches Niveau, oft mit neuen Einflüssen aber stets unabhängigem Ansatz, bestätigten Kingdom Come seither nicht nur bei weiteren neun prachtvollen Studioscheiben, sondern auch bei zahllosen Konzerten rund um den Globus.
Und ein Ende der Laufbahn ist gottlob nicht abzusehen: „Diese Band ist meine Berufung“, sagt Lenny Wolf, „mit ihr werde ich untergehen oder wieder auferstehen. Von ein paar Ausrutschern abgesehen, nichts falsch gemacht. Dankbar und breitbeinig back to the future.“