Fiese Schlächter
Wer dachte, der Death Metal-Sektor hätte außer den üblichen Verdächtigen wie z. B. CANNIBAL CORPSE, MORBID ANGEL oder dem sprichwörtlich „zu Tode“ gelutschten Deathcore nichts anderes mehr zu bieten, wird hier eines Besseren belehrt. Wer und was sich hinter ANNOTATIONS OF AN AUTOPSY verbirgt, haben wir mit Gitarrist Sam und Sänger Steve aufgedeckt.
Ihre Diskografie umfasste vor dem neuen Album genau eine EP sowie ein offizielles Album, welches vom UK-Label Siege Of Amida veröffentlicht wurde. Soweit nichts Besonderes. Daß man auf der Insel ohne großes Tam-Tam allerdings schon über 15.000 Kopien von »Before The Throne Of Infection« abgesetzt hat, schon. Zudem konnte die Band so ziemlich jedes Medium in England für sich gewinnen und seitenweise Lobeshymnen einfahren. Der englische "Terrorizer" widmete seinen Landsleuten sogar ein mehrseitiges Special in Sachen UK-Death Metal. Ziemlich beeindruckend für eine derart junge Band. Vor allem, wenn man nicht aussieht wie der "Twilight"-Typ und auch keine poppige Musik der Marke FALL OUT BOYs spielt.
Britische Schweinereien
Im Gegenteil, denn auf dem letzten Longplayer wurde der Hörer fast schon von Brutalität erschlagen, überrollt und totgetrampelt, vom heranstürmenden Geprügel fast weggefegt, was durch die schlecht gelaunten Grunzer von Fronter Jamie besonders deutlich wurde. Diese sogenannten Pig-Squeals sind auf »The Reign of Darkness« verschwunden, der Sänger hat sich selbst aus seinem Käfig befreit und klingt 2010 besser als je zuvor. Wie es zu dieser „Neuerung“ kam und ob sie von Beginn an geplant war, erklärt uns Sam: „Steve wollte einfach einen anderen Stil ausprobieren, aber trotzdem weiterhin äußerst aggressiv und heavy klingen. Ich finde, das hat er ganz gut hinbekommen; haha!“, was der Sänger selbst ähnlich sieht: „Ich habe einfach so gesungen, wie es am besten zu den Songs passte, und damit die Leute mich besser verstehen können. Ich muss nicht mit aller Gewalt bestimmte Stile auf der Platte haben. Wenn es nicht passt, passt es halt nicht!“ Nicht nur der Gesang hat sich einer Art Kur unterzogen, auch im Songwriting hat sich einiges verbessert. Man wird nicht mehr direkt von der UK-Walze überfahren, sondern bekommt eher direkte, harte Schläge ins Gesicht, und zwar fortlaufend, was Sam sich mit einem besseren Zusammengehörigkeitsgefühl bzw. mit anderen Ideen und Einflüssen, welche sich auch durch die neu dazu gestoßenen Mitglieder ergaben, erklärt. „Wir hatten während den Aufnahmen einen ziemlich engen Zeitplan, was es für uns doch ziemlich stressig werden ließ. Aber letztendlich war genau dieser Stressfaktor das beste Druckmittel für uns, um unser bestmögliches Album abzuliefern. Erik Rutan hat uns einige gute Ratschläge mit auf den Weg gegeben, wofür wir ihm sehr dankbar sind.“
Könige für einen Tag
Wer sich mit den Inhalten des Vorgängers beschäftigt hat, weiß, dass die Band in ihren Texten oft und gerne Sex und Gore behandelt hat, doch mit dem entsprechenden Alter kommt die Reife, und so drehen sich beim neuen Album die Lyrics um etwas alltäglichere, greifbarere Themen. Laut Sänger Steve sei »The Reign Of Darkness« ein Konzeptalbum, bei dem es hauptsächlich um das Außmaß der gewaltigsten Enthüllungen der Menschheitsgeschichte ginge, in denen solche Institutionen wie Regierung, aber auch Religion, das Gesetz als solches sowie all unsere Vorstellungen des Lebens sich als unwahr erwiesen hätten, uns vorgetäuscht wurden während wir all die Zeit als Herde gezüchtet unter völliger Beobachtung und Kontrolle standen, gefüttert mit Fehlinformationen. Harter Tobak. Das Coverartwork liefert die visuelle Basis dafür und zeigt die Pforte bzw. auch den Pfad zur Hölle auf Erden, auf der wir uns nach Schilderung der Engländer schon viel zu lange bewegt hätten. Wären die Jungs von ANNOTATIONS OF AN AUTOPSY Könige für einen Tag, würden sie das herrschende System komplett umkrempeln. „Ich würde alles umschmeißen und von Grund auf anders machen“, lässt Sam verlauten. „Keiner müsste mehr für jemand anderen arbeiten, sondern wäre einzig und allein für sich selbst verantwortlich, was eine freiere Lebensweise mit sich bringen würde!“ Große Worte eines jungen Engländers; und wie er sein Gebilde letzten Endes umsetzen würde, wäre interessant zu sehen. Momentan hatte der UK-Trupp jedoch noch mit relativ weltlichen Problemen zu kämpfen, wurde ihnen doch kurzerhand die Einreise in die Vereinigen Staaten von Amerika untersagt. „Die Einwanderungsbehörde der USA hatte unendlich lange gebraucht, um unsere Visa-Anträge zu bearbeiten. Zu lange, denn wir mussten die Tour mit THE FACELESS dann doch noch absagen.“ so Sam. „Es wäre unsere zweite US-Tour nach der mit JOB FOR A COWBOY gewesen, aber wir arbeiten daran, das so schnell wie möglich nachzuholen.“
Reign Supreme
Allen europäischen Death Metal-Fans sei an dieser Stelle schon mal verraten, dass die Briten im März mit den legendären SUFFOCATION touren werden, worüber sich die beiden sichtlich freuen. „Hey, wer will nicht von ein paar Death Metal-zockenden, schwitzenden, bärtigen Männern in den Wahnsinn getrieben werden?!“ fragt Sam rhetorisch und auch der Sänger gibt seinen Senf dazu: „Das letzte Mal, als wir mit SUFFOCATION getourt sind, wurden wir aus einem Glam Rock-Club rausgeworfen, weil sich unser damaliger Bassist auf der Bühne des Ladens unbedingt entkleiden musste. Keine schöne Sache, glaubt mir, haha. Damals wurde auf der Tour nichts ausgelassen, es gab von Krankenhausbesuchen und Prügeleien, bis zu horrend hohen Ausgaben für Alkohol und Verhaftungen eigentlich alles. Wir sind aus Hotels, Clubs und Bars rausgeflogen, sprich, das Chaos verfolgt uns auf Tour, und wir lieben es!“ Für 2010 laute die Devise: touren ohne Ende und ein Kick-Start mit ihrem Debüt auf Nuclear Blast! Bleibt zu hoffen daß sie ihre nächste Tour auch überstehen, denn laut Sam sei der Masterplan „Tour, Party, Ohnmacht, Tour, trinken sowie noch mehr touren…until we reign supreme!“
Maria Baizley
Line Up:
Steve Regan (Gesang)
Jamie Sweeney (Gitarre)
Brad Merry (Drums)
Nath Applegate (Bass)
Sam Dawkins (Gitarre)