Ein Vorgeschmack auf den drohenden Untergang
Kaum zu glauben, dass die Nordmänner von UNLEASHED bereits ihr zehntes Album in den Startlöchern stehen haben. Die fünfjährige Pause zwischen »Warrior« und »Hell’s Unleashed« hat offenbar wie eine Frischzellenkur gewirkt und das Quartett zu neuer Stärke geführt. Live und auf Platte sind die Death Metaller immer eine Bank, und das neue Werk »As Yggdrasil Trembles« macht da keine Ausnahme.
Bevor man sich an die Aufnahmen begeben konnte, musste man allerdings zunächst einige unangenehme geschäftliche Dinge erledigen. Das letzte Label SPV, für das UNLEASHED lediglich zwei Alben abliefern konnten, musste bekanntlich Insolvenz anmelden. „Es ist natürlich verdammt schade für alle Beteiligten, wenn eine Firma diesen Weg geht,“ blickt Drummer Anders Schultz zurück, „das zeigt doch, dass die ganze Industrie in Schwierigkeiten steckt.. Wir selbst hatten allerdings keine großartigen Probleme, wir haben bis zuletzt gut mit SPV zusammen gearbeitet. Am Ende ging alles sehr schnell, doch im Vorfeld konnten wir keine Anzeichen für eine drohende Insolvent feststellen.“ Die Zusammenarbeit mit Nuclear Blast war praktisch eine Formsache, denn sowohl Label als auch Band waren an einer Zusammenarbeit sehr interessiert. „Ich bin nicht einmal sicher, wer jetzt eigentlich wen nach einer Kooperation gefragt hat, haha. Aber wir erwarten einiges davon. UNLEASHED werden noch einige Zeit da sein, um gute Alben zu veröffentlichen, und Nuclear Blast haben die Möglichkeiten, alles vernünftig voran zu treiben.“ Obwohl Anders betont, dass diese Umstände keinerlei Einfluss auf das Songwriting hatten, ist der Titel des Albums durchaus apokalyptisch zu verstehen. In der nordischen Mythologie steht Yggdrasil synonym für den Kosmos in Gestalt eines Baums, der auch als „Baum der Weisheit“ bekannt ist. Wenn durch diesen Baum ein Beben geht, muss schon einiges vorfallen. „So kann man es ausdrücken. Die heutige Zeit ist der Anfang vom Ende. Passend dazu klingt das Album deutlich wütender als »Hammer Batallion«. Obwohl unsere Texte unterschiedliche Themen behandeln, stellen die ersten drei Songs den Anfang einer Geschichte dar, die nie zuvor erzählt wurde. Der Beginn und das kommende Schicksal ist den meisten von uns aus Wissenschaft und Lehre bekannt. Aber da wird in den nächsten Jahren noch einiges auf uns zukommen!“ Welch Wunder, dass UNLEASHED bei derart realitätsnahen Themen die „Herr der Ringe“-Trilogie ein weiteres Mal ausgespart haben. Auch die naheliegende Vermutung, dass der Titeltrack ein Trademark-Song für den erdbebenartigen Sound der Band ist, wäre damit ad absurdum geführt. „“Hammer Batallion“ war natürlich eine Art Trademark-Song, er sollte eine Art Schlachtenhymne für unsere loyalen Fans sein, sowohl alte als auch neue. Der Titel des neuen Albums ist viel mehr der Anfang einer Geschichte, die für lange Zeit nicht zu Ende sein wird. Das kalte und unheimliche Cover-Artwork ist ein erster Vorgeschmack auf den drohenden Untergang.“ In Anders’ Augen hat sich die Welt stark gewandelt und nimmt bestimmten Traditionen zunehmend den Raum. In seinem Fall betrifft das unter anderem das Praktizieren von heidnischen Bräuchen. „Heutzutage ist kaum Platz für solche Dinge, aber natürlich zelebrieren und ehren wir die alten Traditionen, wann immer wir können. Der Unterschied nordischer Mythologie zu anderen Religionen ist ja der, das sie den Leuten Kraft geben soll statt Götzenbilder zu verehren.“ Manche Leute ziehen ihre Kraft auch daraus, die Vergangenheit romantisch zu verklären und ihr einen größeren Stellenwert einzuräumen als der Gegenwart. Auch manche UNLEASHED-Fans werden die Band auf immer und ewig auf ihre beiden Frühwerke reduzieren, obwohl die Band immer wieder zeigt, dass sie noch längst nicht zum alten Eisen gehört. „Diese Leute gibt es nun einmal. Nostalgie ist eine starke Sache, und ich selbst denke über manche Dinge genau so. Das ist nicht ungewöhnlich. Dennoch scheint es, dass der größte Teil unserer Fans unseren neueren Alben aufgeschlossen gegenüber steht. Man kann schließlich keine zwanzig Jahre alten Dinge direkt mit heutigen vergleichen. Die Hauptsache ist, dass die meisten Leute unsere neuen Scheiben genau so oder sogar mehr mögen als unserer frühen, und das macht uns sehr stolz! Wir haben uns den harten Kern unserer alten Fans erhalten, dabei allerdings auch viele neue dazu gewonnen.“ Und diese sind nicht so dumpf, wie die Öffentlichkeit in den frühen Jahren dem Death Metal und seinen Fans anhängen wollte. „Viele unserer Fans identifizieren sich mit unseren Texten, und wir führen viele fruchtbare Diskussionen bei unseren Shows.“ Die nächsten Gespräche mit der Band lassen allerdings noch ein wenig auf sich warten, denn in Sachen Touring ist momentan noch nichts fest. „Wir werden definitiv einige Sommer-Festivals spielen, aber eine richtige Tour steht noch nicht. Momentan sind wir auch in erster Linie heiß drauf, das neue Album auf den Markt zu werfen und die Reaktionen der Leute zu sehen.“ Da ist also einmal mehr die Loyalität der Fans gefragt, wenn »As Yggdrasil Trembles« über uns herein bricht.
Matthias Weiner