Die Schweizer Über-den-Tellerrand-Blicker SAMAEL haben mittlerweile jenseits der zwanzig Jahre Bandgeschichte hinter sich – trotzdem kein Grund, zu rasten oder gar zu rosten! Stattdessen geht man jedes neue Werk mit perfektionistischem Ansatz an und präsentiert nun »Lux Mundi«, das quasi alle Schokoladenseiten der sympathischen Band bietet.
„Mit der neuen Scheibe wollten wir nichts verfolgen, was wir schon in der Vergangenheit gemacht haben“, erläutert Frontmann und Gitarrist Vorph. „Wir wollten einen frischen Neuanfang und sind so heran gegangen, als wäre es unser erstes Album. Wir dachten uns: wenn wir noch mal von vorne anfangen würden mit dem Wissen, das wir heutzutage besitzen, was würden wir tun? Und »Lux Mundi« ist die Antwort auf diese Frage.“ Und dennoch: Fans werden Vieles entdecken, was sie schon auf alten Releases von SAMAEL lieben gelernt haben. „Die Leute werden immer Vergleiche heranziehen. Manche sagen, es ist ein Mix aus »Solar Soul« und »Above«, und manche behaupten, es sei der legitime Nachfolger von »Passage«. Alle sind sich aber einig, dass es SAMAEL in Bestform darstellt, und das ist für uns das Wichtigste!“, freut sich der Frankoschweizer unbescheiden. „Es ist uns gelungen, die Flamme am Brennen zu erhalten, und unsere Musik ist mit uns gewachsen. »Lux Mundi« ist ein treffender Schnappschuss davon, wer wir jetzt in diesem Moment sind.“
Rückspiegel
Da scheint nicht viel Zeit für den obligatorischen Blick zurück zu bleiben – SAMAEL gehören jedenfalls nicht zu den Bands, die konstant Altes aufarbeiten und Boxsets und DVDs regnen lassen. Noch nicht mal der 20jährige Bandgeburtstag wurde gefeiert! „Wir leben in der Gegenwart und sind nicht sonderlich erpicht darauf, zurück zu schauen. »Medieval Prophecy« (das legendäre Demo der Band – Anm. d. Verf.) wurde noch mal auf CD rausgebracht, da es zahllose Bootlegs mit schlechter Soundqualität gab – nicht, dass das Original besonders gut geklungen hätte, aber so war es ja noch schlimmer! Also beschlossen wir, es zu remastern und als Limited Edition zu veröffentlichen. Unsere alte Plattenfirma hat auch noch ein Boxset namens »A Decade In Hell« zusammengestellt mit allem, was wir je für sie aufgenommen haben. Aber nichts davon war gedacht, um ein Bandjubiläum zu feiern.“ Gut, dann pusten wir die Kerzen eben aus und werfen den Kuchen weg, Vorph! Der lobt lieber gleich noch mal sein neues Baby: „Wir haben immer danach gestrebt, uns zu verbessern, und das werden wir auch stets – aber jetzt sind wir happy mit »Lux Mundi« und unsere Prioriät ist es, die neuen Songs live vorzustellen. Bisher haben wir das nur mit 'Antigod' und 'Soul Invictus' getan, und die Reaktionen waren so toll, dass wir es nicht erwarten können, mehr zu spielen!“ Ein bisschen müssen da aber sowohl SAMAEL als auch ihre Anhänger noch mit den Hufen scharren: im September steht die nächste Tour der Herrschaften an! Aber ein paar Festivalshows im Sommer halten als Appetithappen her.
Ein Lichtlein brennt
Besieht man sich das Cover von »Lux Mundi«, also dem „Licht der Welt“, sieht man erstmal erstaunlich wenig bis gar nichts. Außer schwarz, natürlich. Erst bei genauem Hinsehen entdeckt man eine schwarze Sonne mit reichlich Strahlengekröse. Ein Widerspruch in sich selbst? Schweizer Humor? Vorph erleuchtet: „Es scheint schwarz auf mattschwarz, aber du wirst das Design nur sehen können, wenn Licht darauf fällt. Sonst sieht man nur ein schwarzes Quadrat. Das Licht enthüllt also das Artwork!“ Mit Bands wie METALLICA, die schon eine ähnliche Idee hatten, möchten SAMAEL lieber nicht verglichen werden – insbesondere, da hinter dem mysteriösen Cover beinahe ein Konzeptalbum steckt. „Das innere Licht ist sicherlich das Hauptthema von »Lux Mundi« und der Gedanke hinter dem Albumtitel. Es wird auch in Songs wie 'Soul Invictus', 'Let My People Be!' oder 'Luxferre' (bedeutet übersetzt übrigens „Lichtbringer“ – Anm. d. Verf.) thematisiert.“ Auffällig auch, dass SAMAEL in 'In The Deep' über sich selbst singen, der Bandname taucht zumindest inflationär im Text auf. Ein 'We Are Motörhead' zu erwarten, wäre aber dann doch den falschen Baum angebellt. „Der Song kam einfach so, ganz natürlich. Als ich den Titel hatte, wusste ich, dass die Texte nach innen gerichtet sein würden, aber anstatt nur in mir selbst zu „graben“, habe ich versucht, dieser Entität, die wir als Band darstellen, auf den Grund zu gehen“, erzählt der erblondete Sänger. Freuen wir uns also auf nochmals zwanzig Jahre mit der Schweizer „Entität“, und harren wir gespannt der Dinge, die da auf uns zukommen werden! Denn bei SAMAEL weiß man ja nie, was als Nächstes in der Pfanne brutzelt! Vorph, der sich heutzutage am liebsten klassische Musik zu Gemüte führt, lässt etwaige Vermutungen (mehr Elektronik? Mehr Black Metal? Panflöten?) gleich mal im Keim ersticken: „Einen radikalen Wechsel wird es wohl nicht geben – wir wollen einfach nur gute Songs schreiben!“
Nadine Fiebig