Die Erde hat sie wieder, so wie man sie kennt… nicht ganz, denn bei EDGUY gibt es keinen Stillstand, sondern nur den Weg nach Vorne, getreu dem Motto: Auf zu neuen Ufern. »Age Of The Joker« ist unverkennbar EDGUY – aber vielseitiger, traditioneller und abermals wegweisend. Ein Album voller Zynismus, schwarzem Humor und unendlich geilen Melodien. Die Fuldaer Burschen sind einmal mehr über sich selbst hinausgewachsen und untermauern, warum ihr Mentor Klaus Meine sie gerne als würdigen Nachfolger der SCORPIONS erklärt. Denn EDGUY haben ebenso das Zeug dazu, die Welt zu verändern und Massen zu bewegen.
Das neunte Baby
Die Masterbänder sind erst seit wenigen Tagen fertig und das Grinsen auf dem Gesicht von Tobias Sammet wirkt immer größer und zufriedener: „Ich bin erstaunt! Jedes mal, wenn man ein Album fertig gestellt hat, denkt man zunächst: ,Das war‘s! Besser geht‘s nicht! Jetzt ist alles gesagt!‘ Und ich hatte nach den letzten AVANTASIA-Werken einfach nicht gedacht, dass es auf diesem Niveau weitergehen kann. Ich bin sehr glücklich darüber, ein Teil von EDGUY zu sein, denn diese Band ist einmalig. Jeder Song auf dem neuen Longplayer klingt anders und doch klingen alle nach EDGUY. Ich möchte keinen Song davon skippen, weil sie alle schlichtweg geil sind. Keine Band auf der ganzen Welt macht diesen Sound, das ist eine Errungenschaft, die nicht viele Gruppen erreichen.“ Dabei scheint sich der Hebel von AVANTASIA, mit denen Tobi getourt und an deren Doppel-DVD er bis Ende des vorigen Jahres gearbeitet hatte, mühelos auf EDGUY umstellen zu lassen. „Vom reinen Songwriting her ist das nicht so schwer“, so Tobi. „Allerdings ist es eine Umstellung von der Arbeit mit Sascha auf eine Proberaumsituation. Außerdem darf ich bei AVANTASIA noch mehr Diktator sein als bei EDGUY, haha! Was die unterschiedliche Arbeitsweise im Studio angeht, braucht das schon eine gewisse Zeit der Umstellung, aber der reine Songwritingprozess bei mir im Keller ist nicht so schwer. Das ist vielmehr Entspannung pur und hat mit Arbeit nichts zu tun. Ich schreibe seit 20 Jahren Songs für EDGUY, zwischendurch habe ich mir meine kleine Parallelwelt AVANTASIA aufgebaut, die mir viel Abwechslung beschert. Aber im Endeffekt konzentriere ich mich immer ausschließlich auf eine Sache, und die heißt dieses Jahr EDGUY.“ Ansonsten wird auf das bewährte Umfeld gesetzt; so entstanden die Drums im Hannoveranischen „Peppermint Park Studio“ und alles weitere im Wolfsburger „Gate Studio“, unter der Aufsicht von Sascha Paeth, der Tobi bekanntlich auch bei AVANTASIA eng zur Seite steht. Sascha dürfte mittlerweile in etwa Tobi’s digitaler Avatar sein. Der Vergleich erheitert den FC Bayern-Anhänger. „Wenn schon, dann bitte analoger Avatar. Digital impliziert kalt, tot, modern, steril. Sascha ist das Gegenteil von all dem. Wir sind nicht immer einer Meinung, aber ich kenne trotzdem niemanden, der mich musikalisch so gut versteht. Sascha ist ein Jahrhundertmusiker, das erkannte z.B. auch Eric Singer sofort, der ja nun schon mit der halben Welt zusammen gearbeitet hat. Alice Cooper fragte nach diesem genialen Typen, der die AVANTASIA-Platte produzierte, Sascha wurde vom Verband Deutscher Tonmeister als bester Rockproduzent Deutschlands ausgezeichnet. Er ist eine Allzweckwaffe! Und er ist genauso old-school wie ich. Uns ist es scheißegal, ob etwas perfekt ist, es muss leben. Sonst ist es für uns keine Musik, sondern das hunderttausendste Stück digitaler Müll, das es zufällig in die Tonträgerabteilung der Läden geschafft hat.“
Der AVANTASIA-Effekt
Beim ersten Eindruck scheint es, dass sich AVANTASIA und EDGUY auf der neuen CD etwas angenähert haben – sprich, manch Refrain besitzt den AVANTASIA-Bombast, was sicherlich an den gemeinsamen Chorsängern liegen dürfte. „Da wird ein wichtiges Detail übersehen“, sprudelt es aus der hessischen Frohnatur. „Wenn Du Dir die alten EDGUY-Scheiben wie »Vain Glory Opera« oder »Mandrake« anhörst, wirst Du merken, dass wir das bei EDGUY schon gemacht haben, bevor es AVANTASIA überhaupt gab. So gesehen sind das unsere Trademarks, die vielleicht auf der neuen Platte, wenn auch unbewusst, wieder etwas ausgeprägter sind. Trotzdem wird es immer Parallelen zwischen beiden Bands geben, das liegt auch am legendären Songwriting, haha!“ Darüber hinaus ist »Age Of The Joker« das bislang vielseitigste und umfangreichste EDGUY-Werk geworden. Es birgt unheimlich viele, unterschiedlichste Einflüsse in sich, wodurch eine Vielzahl der Tracks im sechs-/sieben-Minuten- Bereich liegt. „Lange Tracks hatten wir immer schon, aber es ist sicher eines unserer vielseitigsten Alben. Wir sind auch schon auf »Hellfire Club« und »Rocket Ride« sehr abwechslungsreich zu Werke gegangen, aber irgendwie klingt »Age Of The Joker« trotzdem in sich total rund und geschlossen. Du merkst bei jedem Song, dass es EDGUY ist, egal ob er keltisch angehaucht ist, balladesk oder voll auf‘s Maul geht!“ Im optischen Vordergrund steht dabei der Joker, der einem schon einige Male auf EDGUY-Frontcovern närrisch entgegen lachte. Nun läutet er, schenkt man dem Titel Glauben, gar ein neues Zeitalter ein. „Er genießt die ultimative Freiheit, Dinge zu tun, die man eigentlich nicht tun darf. Der Hofnarr ist der einzige, der den König beleidigen darf, ohne dass er geköpft wird. Das setzt eine gewisse Eloquenz voraus, aber er kann philosophische und unangenehme Wahrheiten zynisch hinter unterhaltsamem Klamauk verstecken. Ich denke, nichts anderes machen wir mit EDGUY. Und dass es sich derzeit um unser Zeitalter handelt ist ja wohl klar. Dir fällt doch nicht im Ernst eine Band in unserem Alter ein, die einen ähnlichen Sound macht und uns das Wasser reichen kann, oder?“ Sagt es und bezeichnet sich dabei selbst als lachenden Hofnarr!
Die 70er, Country, Folk & DSDS
Tobi ist selbst Vinyl-Sammler und macht vor allem über seine Vorliebe für MAGNUM keinen Hehl. Auf »Age Of The Joker« schimmern immer wieder diese unbeschreiblichen 70er-Vibes, begleitet von Hammond-Orgeln, durch. Ein indirekter Einfluss? „Was man liebt, beeinflusst einen unbewusst. Das wird immer so bleiben, auch wenn man etwas anderes behauptet. Ich liebe die bombastischen Melodiebögen von MAGNUM und die geilen
kreischenden Hammond-Sounds von URIAH HEEP. Klar, dass das nicht spurlos an einem vorübergeht.“ Erstmalig gibt es auch Folk-Elemente auf einem EDGUY-Opus und zwar in dem hymnischen 'Rock Of Cashel', einer progressiven und sehr intensiven Nummer, die überraschend im Folk-Metier endet. „Der Song ist von Gary Moore und meiner Liebe zu den britischen Inseln inspiriert. Jeder, der auf dem „Rock Of Cashel“ in Irland stand, weiß, welche Magie dieser Ort ausstrahlt. Ich kann nicht sagen, warum der Song so klingt, wie er klingt, es ist einfach so passiert. Plötzlich war er da und schrieb sich fast wie von selbst.“ Weiter geht es in 'Pandora’s Box' mit überraschenden Country-Einflüssen und einem Gänsehaut-Chorus. „Diesen Track habe ich eigentlich komplett zu Hause geschrieben. Das Witzige ist, dass selbst die Gitarrenriffs auf dem Keyboard komponiert wurden. Ich bin ja selbst Bassist, das heißt, ich weiß ja so ungefähr wie Saiteninstrumente funktionieren, auch wenn ich auf dem Keyboard komponiere. Obwohl... bei Bassisten ist das ja meist so eine Sache, wenn‘s um Musik geht...“ Mittlerweile darf man getrost sagen, dass Tobias Sammet im Metal-Metier ein Superstar ist. Allerdings noch immer einer zum Anfassen, einer „von uns“ ohne Allüren, der frei Schnauze sagt, was er denkt und gerade auch auf der Bühne eins mit dem Publikum wird. 'Nobody’s Hero', lässt vermuten, dass es in dem Song um derartige Gedanken geht. „Nein, überhaupt nicht“, entgegnet der Frontmann. „Ich bin der Tobi und aus die Maus. Ein Superstar ist Arjen Robben, oder Madonna oder dieser Gewinner von DSDS. Wie heißt er noch? Scheiße, ich komm jetzt nicht auf den Namen, haha! 'Nobody‘s Hero' ist denjenigen gewidmet, die eben nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, die nicht schön und erfolgreich nach dem Verständnis unserer reichen und schönen Welt sind. Es geht um wundervolle Individuen mit interessanten Geschichten, die gesellschaftlich einfach ausgegrenzt werden. Ich rede hier nicht von dieser Hollywood-Einheitsscheiße mit gebleichten Zähnen.“ Für seinen zynischen Humor ist der in Fulda beheimatete Musiker bekannt, und bekanntlich ist er auch für jeden Spaß zu haben. Umso erstaunlicher fällt sein Urteil über die heimische Comedy-Szene aus: „Außer „Switch“ finde ich die meisten Neuzeitkomödianten äußerst unkomisch. Wo sind die Typen? Wo sind die Schauspieler, wo sind die Talente? Die Jungs von „Switch“ oder „RTL Samstag Nacht“ hatten das, aber außer ein paar Lichtgestalten wie Harald Schmidt finde ich das alles grausam.“
Otto, Odin und lange Eier
Mit seinen 33 Jahren gehört Tobias Sammet der Generation an, die noch mit Otto, Didi und Louis de Funés aufgewachsen sind. Auch heute stehen diese Komödianten noch hoch in der Gunst des Hessen, der gerne auch spontan aus entsprechenden Filmen zitiert. „Ich mag alles von Louis de Funés. „Herr Müller“, oder die ganze Gendarme-Reihe. Das ist für mich immer noch großes Kino. Insbesondere der Film, in dem die alte Gendarmerie-Garde pensioniert worden ist. Legendär!“ Historisch wird es in dem Album-Opener 'Robin Hood', der bis dato erstmalig von einer Metal-Combo besungen wird, was auch der Songwriter komisch findet. „Alexander der Große, Attila, Odin, Thor, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Hobbits und die Enchanted Lands... Es gibt kaum eine historische Begebenheit mit Krieg und Rittern, die noch nicht von Männern in Fellhöschen besungen wurde. Nur Robin Hood blieb immer außen vor. Ich denke das liegt an der Komplexität des Stoffes. Wer war Robin Hood? Und wenn ja, warum? Wer waren seine Hintermänner? War er politisch motiviert? Was trugen Bogenschützen des zwölften Jahrhunderts drunter? Der Stoff ist sehr interessant, und wir wollten Robin Hood so rüberbringen wie er wirklich war.“ Der Track enthält einen theatralischen Mittelpart – einer Mischung aus MANOWAR & RHAPSODY OF FIRE mit der musikalischen Untermalung von IRON MAIDEN. Doch es scheint, dass EDGUY hier nicht mit ganzem Ernst bei der Sache sind. „Jetzt pass mal auf, Du Kasper“, reagiert Sammet erzürnt. „Hier geht‘s um Metal, und wenn Du glaubst, ich würde diese Thematik nicht ganz Ernst nehmen, dann zieh ich Dir die Eier lang!“ Wir wechseln das Thema und sprechen über den geplanten Videoclip zu selbigem Track, zu dem viele Ideen im Raum stehen. „Ich weiß noch nicht, was da auf uns zukommt“, beginnt der Vokalist, der sich trotz Pferdeallergie bereits in der Hauptrolle sieht. „Der Regisseur ist Feuer und Flamme; ob wir den Stoff adäquat umsetzen können bleibt aber abzuwarten. Die zwölftausend Statisten für den Kreuzzug von König Löwenherz stellen noch ein kleines Problem dar. Vielleicht porträtieren wir aber auch nur die Rückkehr der Kreuzfahrer, das machen dann die Jungs von IN EXTREMO.“
Die Arschbombe und die Richterskala
Ganz aus dem Rahmen fällt die einzige kommerzielle Nummer 'Two Out Of Seven', die ein wenig den Spirit von 'King Of Fools' besitzt. Von einer Ohrwurmtauglichen Keyboard-Melodie angetrieben, ein sicherer Hit und eine garantierte Live-Granate auf kommenden Shows. „Es ist einfach ein klassischer EDGUY-Song, der sehr eingängig ist und eher leichtere Kost darstellt“, erklärt der Schöpfer des Stückes, dessen Inhalt jedoch höchst brisant ist. Darin wird nämlich mit den leidigen Journalisten abgerechnet, die Alben mit Punkten bewerten, was einem Künstler wie Tobias Sammet nicht selten sauer aufstößt. Dass jedoch gezielt die „Metal Hammer“-Skala mit dem Sieben-Punkte-System gemeint ist, streitet der Texter ab. „Ich möchte da niemanden hervorheben, die Worte „Two“ und „Seven“ klangen einfach am besten und entsprechen zufällig dieser Skala, aber ich besinge auch sämtliche anderen Skalen. Der Text basiert einfach auf dem völlig idiotischen Prinzip, Punkte für Kunst zu vergeben und dabei am Besten noch den Anspruch auf Objektivität vorzugaukeln. Es gibt zwei Arten von Journalisten: Ich mag diejenigen die sich für etwas einsetzen, an das sie glauben. Es gibt aber auch die, die ihr Leben damit verbringen, einen Kreuzzug gegen etwas zu führen, das sie nicht verstehen und deswegen ausmerzen wollen. Das sind oft Menschen, die selbst gerne mehr darstellen wollen; und die Aufmerksamkeit bekommen sie eben als Trittbrettfahrer, wenn sie sich lästernd an erfolgreiche Bands hängen, wie nervige kleine Parasiten. Das ist ein amüsantes Schauspiel, nervt natürlich manchmal auch gewaltig.“ Die Wortwahl des Textes ist köstlich und kommt definitiv aus dem Herzen. Der Höhepunkt befindet sich jedoch ganz am Schluss, wo in nicht ganz jugendfreien Worten nochmals Klartext gesprochen wird. Tobi übersetzt das Ganze wie folgt: „Naja, das Spiel ist einfach: Du lachst in Deinem Magazin und ich lache am Monatsende am Kontoauszugsdrucker! So sind wir alle glücklich! Also, ich meine jetzt nicht DICH, ich meine XY.“ Dabei bleibt die Frage, ob man selbst als Musiker beim Konsum von neuen Scheiben nicht selbst beginnt, in Punkten zu denken und zu urteilen. „Natürlich“, sprudelt es aus dem Skorpion. „Bei der letzten SIXX:A.M. wusste ich nicht, ob ich ihr eine 9,5 oder eine 9,6 geben sollte. Ich habe mich für die 9,5 entschieden, und das tut mir heute noch sehr leid. Ich kann die Platte seit dem kaum mehr genießen! Weil ich das Gefühl habe, dass ich ihr bei den ersten 17 Hördurchläufen nicht gerecht geworden bin. Was sollen meine Enkelkinder von mir denken, wenn sie irgendwann von meinen Gedanken erfahren? Was wird Nikki Sixx von mir halten? Oft denke ich, dass man mit einer Stelle hinter dem Komma gar nicht dem Detailreichtum der Musik gerecht werden kann. Warum reformiert man das System nicht endlich mal? Wie in der Formel 1, da gibt es schon lange auch Tausendstel? Denn - wie bewerte ich eine Platte, wenn sie ganz offensichtlich viel besser als 7,9 Punkte, aber deutlich schlechter als 8,0 Punkte ist?“ Die Frage bleibt offen. Nicht aber, die wie »Age Of The Joker« zu bewerten wäre. Eine klare 8 von 7!
Leopold Lukas