Nobody’s perfect
Sie sind längst mehr als „nur“ eine reine Liebhaberband für diplomierte Muckerkollegen und Progressive-Afficionados. Auch in anderen Spartenbereichen haben sich die Schweden MESHUGGAH mittlerweile eine große Anhängerschaft erspielt und genießen vielerorts Respekt und Ansehen für ihren einzigartigen Stil. Jetzt endlich erscheint mit »Alive« die erste offizielle DVD, die während vier verschiedener Shows in drei verschiedenen Ländern mitgeschnitten wurde.
»Alive« ist keine weitere Unterhaltungs-Musik-DVD im ursprünglichen Sinne, sondern viel mehr eine überaus interessante Road-Dokumentation, die zwischen den einzelnen Songs sehr persönliche Einblicke in das Tourleben bietet und dabei auf die Darstellung des üblichen Party/Suff/Klamauk-Gehabes verzichtet. „Üblicherweise filmen Bands einen ganz speziellen, ausgewählten Auftritt und konzentrieren sich voll und ganz auf diesen einen Tag. Wir dachten, es ist beeindruckender, die Kameras mal über mehrere Tage mitlaufen zu lassen“, beginnt Gitarrist Marten Hagström die Unterhaltung. „Deshalb haben wir Songs von verschiedenen Auftritten mitgeschnitten, sie zusammengefügt und dazwischen immer wieder Eindrücke aus dem Tourleben eingeflochten.“ Der Eindruck, dass das Leben on the road keineswegs so aufregend und unterhaltsam ist, wie man für gewöhnlich annehmen könnte, wurde bewusst impliziert. „Der Unterhaltungsfaktor des Tourlebens wird doch in nahezu jeder Metal-DVD dokumentiert. Überall siehst du nur Party und debile Menschen. Wir wollten den Leuten auch mal die andere Seite des Tourlebens näher bringen.“ Selbst die blanke Angst kann auf Tour eine vorherrschende Rolle einnehmen, wie die Jungs aus Umeå leidvoll erfahren mussten. „Wir waren 2001 auf US-Tour, als am 9. September die Flugzeuge ins World Trade Centre krachten. Der Tourtross war gerade auf dem Weg nach Kanada, als uns die Nachricht erreichte. Gerade in den USA kursierten noch viele Stunden nach den Anschlägen die wildesten Gerüchte. Wir hatten echt Bammel, weil wir nicht genau wussten, was überhaupt in diesem Land gerade vorging. Die Grenzen wurden komplett dicht gemacht, der nächste Auftritt in Kanada musste abgesagt werden, und da wir uns am Ende der Tour befanden, wussten wir auch nicht, wann wir wieder nach Schweden ausreisen durften. Ja, das war definitiv eine Situation, die mir Angst gemacht hat.“ Als Perfektionisten dürften MESHUGGAH beim nachträglichen Bearbeiten der Aufnahmen ein paar Stellen ausgemerzt haben, was ja heutzutage auch nichts Verwerfliches mehr ist. „Ich gestehe, bei den Gitarren haben wir ein paar Overdubs benutzt, aber ansonsten ist der Sound absolut geradeaus und klingt so, als würde man unten im Zuschauerraum stehen. Es ist uns wichtig, dass der Sound auch hinterher bei der Nachbetrachtung authentisch rüberkommt.“ Die Frage bleibt, ob sich selbst eine Band wie MESHUGGAH hin und wieder mal verzockt. Denn selbst geübten Ohren dürften etwaige Spielfehler kaum auffallen. „Keine Band spielt ihre Auftritte perfekt, auch wir nicht. Mit der Zeit haben wir gelernt, Spielfehler zu akzeptieren. So ist das Leben, und jeder Auftritt ist eben anders. Die Zeiten, in denen wir uns über jeden kleinen Fehler aufgeregt haben, sind schon lange vorbei.“ Gibt es eigentlich MESHUGGAH-Songs, die ihr besonders gerne und im Umkehrschluss besonders ungern live aufführt? »Für gewöhnlich spielt man als Musiker die Songs vom aktuellen Album besonders gerne, weil sie neu und frisch sind. 'Bleed' vom letzten Album »ObZen« spiele ich besonders gerne, weil es so ein ungewöhnlicher Song ist. Andererseits verlangt mir 'Bleed' technisch unheimlich viel ab, so dass ich ihn eigentlich schon wieder ungern spiele, hahaha. Nimm als weiteres Beispiel 'Future Breed Machine'. Der Song hat gut 15 Jahre auf dem Buckel, und wir haben ihn eigentlich fast immer gespielt. Mittlerweile hasse ich diesen Song förmlich, wenn wir ihn für ein Live-Set proben. Andererseits, wenn das Publikum bei dem Song gut mitgeht, fühlt es sich wieder gut an, ihn live zu spielen. Es sind oft ambivalente Gefühle, die uns bei der Songauswahl antreiben.“
Patrick Schmidt