DIE APOKALYPTISCHEN REITER
Zwei Seiten der Medaille
Mit »Moral und Wahnsinn« führen DIE APOKALYPTISCHEN REITER ihren Siegeszug weiter fort. Voller Selbstbewusstsein galoppieren die fünf Krieger der Herzen mit ihrem krassen Stilmix alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Frontmann "Fuchs" steigt trotzdem mal kurz vom Gaul, um über die Dualität des Lebens, falsche Heilsbringer, die Freiheit des Musizierens und Oden an die eigenen Band-Kollegen zu plaudern.
Wer in der letzten Zeit mal auf die Homepage von DIE APOKALYPTISCHEN Reiter gesurft ist, wird außer einem Album-Trailer nicht viel entdeckt haben. Die helfenden Hände der Band bauen die Seite zur Albumveröffentlichung gerade um, deshalb sticht ein Text besonders ins Auge. Die Weimarer haben die Studioarbeiten zu »Moral und Wahnsinn« beendet und sind selbst davon überzeugt, "etwas Einzigartiges, noch nie Dagewesenes für die Ewigkeit festgehalten zu haben. Das Album vereint all unsere musikalischen Extreme und Stärken mit lyrischer Brillanz." Wow, wer solche Reden schwingt, muss schon mächtig was in der Hinterhand haben, um hinterher nicht als Aufschneider dazustehen. Aber das Rittmeister-Quintett, das auch dieses Mal wieder Metal mit allerlei fremdländischen Musikstilen von Spanien bis Arabien vermischt, ist bekannt für seine Unberechenbarkeit. Und Fuchs muss angesichts seiner eigenen Worte lachen. "Das ist natürlich unsere ganz persönliche Sicht der Dinge. Und wenn wir nicht überzeugt sind, wer soll es dann sein?" Diese Erklärung leuchtet ein, muss aber noch etwas detaillierter unter die Lupe genommen werden. Denn »Moral und Wahnsinn« hebt sich in der Entstehung von seinen Vorgängern ab. "Wir haben das Album nicht in einem Rutsch komponiert, sondern zwischendurch immer wieder Live-Auftritte absolviert. Durch diese Unterbrechungen konnten wir Abstand halten und neue Perspektiven gewinnen. Eine interessante Sache. Normalerweise arbeitet man ununterbrochen und mit unglaublicher Verbissenheit an den Stücken. Da besteht natürlich die Gefahr der Betriebsblindheit, und dass man den emotionalen Bezug etwas verliert. Die Platte verhielt sich immer wie ein riesiges Ungeheuer, das uns nie sein ganzes, wahres Gesicht zeigte. Wir liebten und hassten es. Wir setzten es zusammen, zerstückelten es wieder und staunten selbst am meisten, was da passierte. Am letzten Studiotag - wenige Stunden vor der Präsentation für die Presse - wurden noch entscheidende Änderungen vorgenommen, da der Blitz in das Gehirn schlug und eine den Song aufwertende Idee offenbarte. Was unseren Produzenten fast um den Verstand brachte. Bei uns gibt es keine Regeln oder ein eng gefasstes Korsett, in das alles hinein gepresst werden muss. Wir glauben, gewisse Dinge bis zur Perfektion getrieben zu haben, und dass die Extreme noch weiter ausgereizt wurden. Bisher war es oft so, dass die ruhigen Songs sehr ruhig und die harten Stücke sehr heavy ausfielen. Auf »Moral und Wahnsinn« haben wir die verschiedenen Passagen viel besser miteinander verknüpft und so die Songs noch spannender gestalten können."
Lügen leben
Mit dieser Einschätzung liegt Fuchs goldrichtig, denn die Songs klingen sehr harmonisch, obwohl fast jeder einen Parforce-Ritt durch die Musikhistorie darstellt und an sich unvereinbare Genres miteinander verbindet. Doch letztlich ist es kein Wunder, dass es bei den Thüringern wie am Schnürchen läuft. Schließlich sind DIE APOKALYPTISCHEN REITER ein eingespieltes Team. Einziger Neuzugang ist Gitarrist "Ady" (seit 2009 an Bord), der zuvor aber bereits als Techniker für die Band arbeitete und somit bereits Einblicke in das Innenleben des Monsters hatte. Und das beschäftigt sich textlich dieses Mal mit der Dualität des Lebens. Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Ying und Yang, Nackensteak und Tofuwurst und dem oftmaligen Wahnsinn der Moral. Nichts anderes stellt das auffällige Cover dar, wie Fuchs bestätigt. "Der (musikalisch verdammt schräg ausgefallene – Anm.d.A.) Titelsong 'Moral und Wahnsinn' wird natürlich Fragen aufwerfen, genau wie das Cover. Dabei stehen Jesus und Hitler als Beispiel für moralische Instanzen, die aber ihr Handwerkszeug - Knarre und Hirtenstab - tauschen. Hitler, der in unseren Breitengraden für das personifizierte Böse steht, wirft die Frage nach Mitschuldigen auf. Schließlich gab es unzählige willige Helfer, die seine Verbrechen erst möglich machten und ihre Vorteile daraus zogen. Viele andere haben wissentlich die Augen vor dem verschlossen, was da passierte. Und ich erinnere mich, dass meine Großeltern ebenfalls nicht darüber gesprochen haben. Die Bundeswehr und der BND sind übrigens durch alte Nazikader aufgebaut worden.
Es gibt viele Beispiele dafür, wie Moral & Wahnsinn Hand in Hand gehen: Religionskriege; ein Papst der Sünden erlässt; ein Rechtssystem, das auf Geld basiert; Wissenschaft, die nicht dem Wohle Aller dient; eine Gesellschaft, die nur noch auf Effizienz und nicht auf menschliche Bedürfnisse abzielt. Regierungen, die Angst schüren um Feindbilder zu schaffen, undundund ...” Das Album bietet also durchaus harten Stoff, der zum Nachdenken und Diskutieren anregen soll. Auf der anderen Seite beinhaltet »Moral und Wahnsinn« aber natürlich auch genügend durchweg positive Momente, so dass das typische Feier-Feeling nicht zu kurz kommt. Der Opener 'Die Boten', der getragene Rausschmeißer 'Ein liebes Lied' oder das streckenweise brutale 'Gib dich hin' mit seinem Ilse Werner-Gedächtnispfeifen seien als Beispiele genannt. Und natürlich das morbide 'Dr. Pest', die perfekte Hymne für den bandeigenen Keyboarder. Wie kommt man eigentlich darauf, den eigenen Kollegen lyrisch zu verwursten? Fuchs muss lachen. "Meine Texte sind ja meist recht realitätsbezogen. Es hat tierisch Spaß gemacht, sich mal völlig gehen zu lassen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Dr. Pest ist zudem eine sehr starke, auffällige Figur. die auch im Privaten an kurioser Schrägheit kaum zu überbieten ist. Ich gebe zu, dass er anfangs sehr skeptisch war. Aber letztlich sind wir alle glücklich mit dem Song, zumal die musikalische Umsetzung sehr gelungen ist. Die Streicher, die hier zu hören sind, stammen nicht aus der Konserve, sondern sind echt. Zu ’Dr. Pest’ haben wird unlängst auch ein Video in Wrotzlaw, Polen, gedreht, was außerordentlich interessant war, da in der alten Filmfabrik schon Leni Riefenstahl ihre Filme drehte.” Fuchs grinst diabolisch. "Vielleicht kommen Sir G., Volk-Man und Ady ja auch noch dran.”
Tanzbare Kunst
Aufgenommen wurde »Moral und Wahnsinn« in den Principal Studios in der Nähe von Münster. Bekanntes Terrain für die Pferdenarren. "Dieser Ort hat gleich mehrere Vorteile für uns. Als erstes wäre da das Team, das uns jeden Wunsch von den Augen abliest. Man müsste dort theoretisch nicht einmal vor die Tür, obwohl das viele Nichts aus Wald, Pferden und Moor spannendes zu bieten hat. Der Fokus liegt aber nun mal auf der Musik . Außerdem kennt sich Vincent Sorg (Produzent des Albums und unter anderem auch für KREATOR, SCHANDMAUL, DIE TOTEN HOSEN und Atze Schröder (!) tätig – Anm.d.A.) mit unserer Arbeitsweise aus." Wie bereits zu Beginn erwähnt verlief der Entstehungsprozess des Albums trotzdem ein wenig anders als gewohnt. "Wir haben insgesamt drei Vorproduktionen gemacht, um den jeweiligen Ist-Zustand zu checken. Die ersten Ideen entstanden übrigens in Frankreich auf einer Burg, wo Ady und ich zwei Wochen verbrachten. Für die endgültige Ausarbeitung des Materials hat sich die ganze Band wieder in eine einsame Hütte im Wald zurückgezogen. Die Texte entstanden vornehmlich auf einer Reise, die mich Anfang des letzten Jahres quer durch Brasilien und den Amazonas führte." Es ist kein großes Geheimnis, dass den Texten besondere Bedeutung zugemessen wird. Auch - und gerade - von den beinharten Anhängern der Combo. Manchmal lässt sich gar der Eindruck gewinnen, DIE APOKALYPTISCHEN REITER wären so etwas wie ein musikalischer Ratgeber in allen Lebenslagen. "Es ist aus meiner Sicht eher das Weitergeben von Erfahrungen. Natürlich bekommen wir Reaktionen auf die Texte. Es kam mir schon zu Ohren, dass jemandem ein bestimmter Song geholfen hat, oder dass meine Worte anderen ebenso oder ähnlich aus der Seele sprechen wie mir selbst. Das ist sehr schmeichelhaft und schafft eine Verbindung. Und ich denke, das geht allen Künstlern so. Wer behauptet, Musik und Texte nur für sich selbst zu schreiben, der bräuchte keine Alben aufzunehmen, sondern könnte im Keller vor sich hin musizieren. Wir wollen aber nach draußen, spielen, erzählen, teilen, erleben und verändern. Wichtig ist nur, sich von außen nicht zu sehr beeinflussen zu lassen, was nicht immer leicht ist." Logisch, schließlich sind auch Fuchs, Dr. Pest und Co. nur Menschen, denen es natürlich lieber ist, wenn an einem sonnigen Nachmittag der komplette Wacken-Acker ausflippt, als wenn ein paar hundert Gestalten gelangweilt vor der Bühne abhängen. "Unsere Musik ist schließlich sehr energetisch und eignet sich hervorragend, um sich den Teufel aus dem Leib zu tanzen."
Der Teufel im Bus
Wer Lust hat, die morschen Knochen mal wieder zum Takt der "Reitermania" zu schütteln, wird im Frühjahr 2011 Gelegenheit dazu bekommen. Denn dann läuft die gemeinsame Tour mit TURISAS und AKREA an. Interessant ist die Tatsache, dass die Konzertdaten bereits fast ein halbes Jahr vorher veröffentlicht wurden. Eigentlich ein Wahnsinn. "Stimmt, aber das Veröffentlichungsdatum unseres Albums stand ebenfalls sehr lange im Voraus fest. Dadurch haben wir mehr Vorlauf als sonst, was für unsere Verhältnisse echten Luxus bedeutet. Wir haben endlich mal genügend Zeit zum Proben und können in Ruhe die neue Show ausarbeiten." In letzter Zeit sah man DIE APOKALYPTISCHEN REITER häufig mit so genannten Pagan Metal-Bands durch die Lande ziehen. In diese Ecke passen die Thüringer jedoch nicht so recht. Allerdings gilt das für so ziemlich jede Schublade. "Genau da liegt das Problem", lacht der glatzköpfige, sonst aber mehr als ausreichend behaarte Frontmann. "Wir sind schon mit so vielen Bands getourt, von Chanson über moderne Rockbands bis hin zu reinen Death Metal-Packages. Unsere Musik ist so offen, dass es die perfekte Kombination für uns nicht gibt. Aber das macht es halt auch spannend." Für den neuerlichen Zusammenschluss mit den finnischen Wikingererben von TURISAS hat Fuchs ebenfalls eine logische Begründung parat. "Wir sind vor ungefähr fünf Jahren bereits zusammen auf Tour gewesen und haben uns prächtig verstanden. Man will sich ja schließlich nicht den Teufel in den Bus holen. Das ist übrigens auch die Philosophie unserer Band: Wir möchten die Kontrolle über alles behalten. Und da gehört die Wahl der Vorbands dazu." Was mit steigendem Erfolg, den DIE APOKALYPTISCHEN REITER nun einmal vorzuweisen haben, nicht unbedingt einfacher werden dürfte. Fuchs stimmt zu. "Natürlich können wir nicht mehr alles selbst machen. Aber die grundsätzliche Kontrolle über die Abläufe liegt in den Händen der Band und wird da auch immer bleiben." Als Außenstehender ist dieser Punkt schwer zu beurteilen, aber man kann sich zumindest vorstellen, dass steigende Verkaufszahlen auch so ihre Probleme mit sich bringen. "Unser Vorteil ist, dass die Band nicht mit einem bestimmten Album plötzlich explodiert ist, sondern Schritt für Schritt größer geworden ist. Wir sind mit den Aufgaben gewachsen und können besser abschätzen, was gut für uns ist." Zudem ist dieser "natürliche" Prozess immer gesünder als ein Sensationserfolg über Nacht. Abgesehen davon machen die Jungs aber sowieso nicht den Eindruck, als würden sie Gefahr laufen, demnächst den Boden unter den Hufen zu verlieren. Der Ritt gen Sonne geht also weiter.
Marcus Zemke