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Takafumi

und die Rückkehr der schwarzen Nonne von Thomas Mo

Artikelnummer:
170092
Format:
Buch

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Produktbeschreibung

Takafumi ist stocksauer! Seine Mutter schiebt ihn in den Ferien zu seinem Großvater in das abgelegene Fischerstädtchen Toi-Mura ab, damit er in der Großstadt keinen weiteren Unsinn anstellt. Doch Toi-Mura hat mehr Action zu bieten als Taka lieb ist! Er macht sich neue Freunde, neue Feinde, und dann kehrt auch noch die sagenumwobene schwarze Nonne in den Ort zurück, um sich das zu holen, was man ihr vor über 300 Jahren dort gestohlen hat! Aber das größte Abenteuer verschafft ihm sein Großvater Hideki: Er führt Takafumi zurück in seine Vergangenheit – und so in seine Zukunft… 274 Seiten, Hardcover, Cover designed von BastiBast (CALLEJON)

Review

Leseprobe

Kapitel 2
Black Metal.

Der reinste Black Metal, und das schon am ersten Tag. Es war später Nachmittag, und Takafumi stand vor seiner Haustür, aber er musste sie weder aufschließen noch klingeln. Das übernahm der Polizist, der ihn hergefahren hatte. Die Polizei in Japan hatte die üble Angewohnheit, aus jeder Mücke einen ziemlich großen Elefanten zu machen, und so wurde er mit Blaulicht und Sirene nach Hause
eskortiert. Um dem Ganzen noch mehr Dramatik zu verleihen, verzichtete der Polizist grinsend darauf, das Blaulicht vor Takas Haustür abzustellen. So blinkte es munter weiter, damit ja jeder der Nachbarn Zeit genug hatte, die Peinlichkeit von seinem Fenster aus zu beobachten. Die alte Frau Otomo von gegenüber hatte sowieso den ganzen
Tag nichts Besseres zu tun, als ab und an hinter der Gardine hervor zu
spähen und die Abfallsäcke, die die Nachbarn vor die Tür stellten, auf
Löcher zu überprüfen.
Takas Mutter Kaori öffnete die Tür und war erst mal sprachlos. „Gomenkudasai“, sagte der Polizist höflich, „ist das Ihr Sohn Takafumi?“.„Hai“, war alles, was Kaori herausbrachte. „Ihr Sohn mag für seine vierzehn Jahre zwar aussehen wie sechzehn, aber um Bier zu trinken, muss man in Japan immer noch mindestens zwanzig Jahre alt sein. Wir haben seine Daten aufgenommen. Falls wir ihn noch mal aufgreifen, geben wir erst mal der Schule Bescheid. Dann wird ihn sein Lehrer hierher bringen. Einen schönen Tag noch.“ Kaori verbeugte sich höflich, als der Polizist wieder in sein Auto stieg und davonbrauste. Wortlos und mit gesenktem Haupt schlich Takafumi ins Haus, seineschwarzen, fast schulterlangen Haare verdeckten dabei einen guten Teil seines fein gezeichneten Gesichts, wortlos schloss seine Mutter die Tür. Es war der erste Tag der Sommerferien, und er endete gleich im Desaster. Dabei hätte Taka einfach nur weglaufen sollen wie seine Kumpels. Der Polizist war urplötzlich bei dem Minisupermarkt um die Ecke gebogen, wo sich Taka und seine Freunde auf dem Parkplatz mit ein paar Dosen Bier vergnügten, die sie frisch aus dem Automaten gezogen hatten. Der Besitzer des Ladens hatte sich schon längst mit den Quälgeistern vor seinem Laden abgefunden, nicht zuletzt war es sein Bier, das sie kauften. Aber der Polizist verstand gar keinen Spaß.
Trotzdem musste Taka mal wieder den starken Mann raushängen lassen, dem nicht mal die Polizei was anhaben kann, und sein großes Maul aufreißen. Böser Fehler. Takafumi saß regungslos auf seinem Bett und starrte ein Loch in die vielen Poster der Heavy Metal Bands, die die Wand hinter seinem mit Mangas übersäten Schreibtisch zierten. Manchmal, wenn er an seinem Computer saß oder über den Hausaufgaben brütete, was aber nicht so oft vorkam, fantasierte er, mit starrem Blick auf die Poster, wie es wohl wäre, Bandmitglied von Slipknot zu sein oder Gitarrist bei Machine Head. Die Musik! Der Ruhm! Die Mädchen! Das Geld! Doch daran war im Moment nicht zu denken. Nicht die Bandmitglieder von Slipknot in ihren Monstermasken, sondern seine Mutter stampfte wild gestikulierend vor ihm auf und ab. Ihre Stimme war, wie immer bei ihren Moralpredigten, kontinuierlich lauter geworden, bis sie in ihrer Rage einen Pegel erreichte, den sie selbst nicht mehr zu toppen vermochte, ohne dass sich ihr kreischendes Organ dabei leicht überschlug. Takas Zimmer hatte genau die Breite seines Bettes, aber diese Enge nutzte seine Oka San voll aus. Und jedes Mal, wenn sie sich drehte, um zum anderen Ende des winzigen Zimmers zu laufen, schien ihr etwas Neues einzufallen, was sie an Takafumi auszusetzen hatte. Nur: Taka ließ das Ganze inzwischen kalt. Er kannte die Strafpredigten schon auswendig. Zum vermutlich fünfzigsten Mal hörte er, dass er sich in der Schule keine Mühe gebe, dass er nicht ständig mit seinen verdorbenen Kumpels auf der Straße herumhängen und gefälligst die Finger von den Zigaretten lassen solle, mit seinen 14 Jahren. Und jetzt Bier am helllichten Tag und die Polizei im Haus. Was würden bloß die Nachbarn denken. So ging die Leier immer. Doch eins beunruhigte Takafumi heute: so ausdauernd und heftig hatte seine Mutter schon lange nicht mehr auf ihn eingeredet. Die vor ihm liegenden 6 Wochen hatte er sicher im Visier, nun ja, zumindest vier davon, denn wie jeder andere musste er die letzten zwei Wochen seiner kostbaren Ferienzeit für die Vorbereitungskurse der Schule opfern – als ob es was nützen würde. Nicht nur deswegen wollte er aber mal so richtig gepflegt abhängen. Mit Makoto und den anderen vor den Pachinkohallen herumlungern, im Schwimmbad die Mädels angraben, das ein oder andere Bierchen dazu zischen und abends dann die große Onlineschlacht am Computer. Ein perfekter Plan für die Ferien. Doch seine Mutter schien ihm diese Sause ernsthaft vermiesen zu wollen. Aber wie? Dazu hatte sie sich noch nicht ausgelassen. Makoto! Takafumi zuckte kurz auf. Die Jungs warteten vermutlich schon auf ihn vor der Spielhalle. Oder auch nicht, denn sie hatten ja gesehen, dass er bei dem Poliko den Kürzeren gezogen hatte. Taka wusste nicht, wie spät es war. Minuten wurden bei den Bergpredigten seiner Mutter zu Stunden, aber er wagte es nicht, auf seine Uhr zu blicken. Das hätte sie nur noch wütender gemacht.
Plötzlich jagte ein fettes Gitarrenriff durch das enge Zimmer. Takafumi geriet ins Schwitzen. Sein Handy! Die Jungs! Makotos Klingelton! Seine Mutter hielt inne und blickte ihn scharf an, fast so als ob Taka schuld an diesem Anruf war.
„Mach das aus!“
Frostiger konnte eine Stimme nicht klingen. Takafumi kramte sein Handy aus seinen kurzen Khakipants, bloß nicht das Feuerzeug herausplumpsen lassen, und drückte den Anruf weg. „Glaube bloß nicht, dass du heute noch irgendwohin gehst. Es wird allerhöchste Zeit, dass hier andere Regeln gelten. Und das fängt genau jetzt an. Dieses halbe Schuljahr ist schon wieder komplett den Bach runter, und ich kann es nicht mehr mit ansehen. Dabei ist die Schule inzwischen nur das kleinste Problem. Es geht um dich, Takafumi. Verstehst du das? Weißt du jetzt, warum das so sein muss?“
Taka versuchte beim Nicken, einen möglichst reumütigen Blick aufzusetzen. „Ich bin mir da nicht so sicher. Aber ich kann dir eins sagen: nach allem, was wir als deine Eltern bis jetzt haben durchgehen lassen und nach dem, was heute passiert ist, werden diese Ferien für dich anders, als du glaubst!“
Jetzt wurde Takafumi wirklich nervös. Mit einem gleichförmigen Summen öffnete sich über ihm die Klappe der Klimaanlage, um im nächsten Moment angenehm kühle Luft in den Raum zu blasen. Aber selbst das konnte nicht verhindern, dass Takafumi der Schweiß ausbrach. „Wir haben beschlossen, dich für die nächsten Wochen zu deinem Großvater nach Toi – Mura zu schicken. Da ist es still, du hast den Strand vor der Tür und viel Zeit, um darüber nachzudenken, was du selbst mit deinem Leben anfangen willst. Und vielleicht lernst du dort ja auch ein paar normale Menschen kennen.“ Takas Mund klappte langsam nach unten, doch er bemerkte es nicht einmal. Er brachte kein Wort heraus. Seine Ferien, seine ideale Vorstellung von Spaß. Futsch. Mit einem Satz zerstört. Er musste jetzt schnell sein. „Aber Oka San, ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wann ich Ojiichan zum letzten Mal gesehen habe! Ich kenne ihn ja gar nicht!“
„Umso nötiger ist es, dass du endlich Zeit mit ihm verbringst! Er freut sich schon auf dich.“ 1:0 für seine Mutter.
„Und Oto San ist wirklich damit einverstanden?“
Kaori zögerte kurz.
„Es ist alles abgesprochen. Du fährst übermorgen mit dem Shinkansen.“
Hatte Papa wirklich alles abgesegnet? Takafumi konnte es kaum glauben, nachdem sich sein Vater und sein Großvater schon lange nichts mehr zu sagen hatten. Es musste zehn Jahre her sein, dass Hideki zum letzten Mal hier zu Besuch war. Das war auch die erste und gleichzeitig letzte Gelegenheit für Takafumi, seinen Ojiichan kennenzulernen. Keiko war noch ein Baby. Er selbst konnte sich kaum noch daran erinnern. Taka ging jetzt aufs Ganze.
„Aber ich will nicht! Ihr könnt mich nicht einfach wegschicken, ohne mich zu fragen!“
„Doch. Das können wir und das müssen wir sogar. Ich weiß mir, ehrlich gesagt, auch gar nicht mehr anders zu helfen mit dir. Es tut mir leid, Taka – Chan, aber es gibt hier nichts mehr zu diskutieren. Du wirst sehen, es tut dir gut, mal aus der Stadt rauszukommen.“ Takafumi fühlte Zorn in sich aufsteigen. ‚Gar nichts tut ihr leid, da kann sie mich noch so oft Taka -Chan nennen‘. Er war kurz davor, sie anzubrüllen und wütend aus seinem Zimmer zu rennen, wie er es ansonsten machte, aber irgendetwas war anders heute. Er hatte das Gefühl, dass ihm das auch nicht viel helfen würde. Seine Mutter stand wie ein Fels in der Brandung, ihr Blick hielt dem seinem stand, und diese Schlacht schien erst mal verloren. Beleidigt drehte er sich wie ein kleines Kind auf dem Bett um und starrte die dünne Wand an. Von oben ließ der kalte Luftschauer der Klimaanlage seine Nackenhaare aufstellen. Er sehnte sich nach einer Zigarette.„Wir reden später weiter.“
Seine Mutter verließ das Zimmer. Takafumi blieb einfach liegen und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Da ging die Tür erneut auf.
„Na, hast du auch alles gehört, Keiko?“
Taka brauchte sich gar nicht erst umzudrehen, um zu wissen, dass seine kleine Schwester, vermutlich mit einem hämischen Grinsen im Gesicht, im Zimmer stand. So bildhübsch sie mit ihren 12 Jahren schon war, so ein Miststück war sie auch. Die kleine Schwester aus der Hölle, die Twisted Sister.
„Ich konnte gar nicht anders. Oka San war heute so laut wie schon lange nicht mehr. Ich wünsche dir jedenfalls viel Spaß am Ende der Welt.“
„Arigato. Willst du mitkommen?“
Takafumi kannte die Antwort schon, aber ihm fiel nichts Blöderes ein. „Du spinnst wohl. Fahr mal ruhig alleine zu den ganzen Bauern. Falls da überhaupt jemand wohnt. Ich bleibe hier in der Stadt“.
Taka war genervt. Er musste sich das nicht anhören.
„Dann hau endlich ab! Geh zu deinen doofen Freundinnen und lass
mir meine Ruhe!“
„Ruhe? Davon hast du doch jetzt sowieso bald mehr als genug. Aber
bitte…“
Kichernd trollte sich Keiko aus dem Zimmer, während Taka regungslos auf seinem Bett liegenblieb und an die Decke starrte. Ein Song der Nine Inch Nails kam ihm in den Sinn: „Nothing’s turning out the way I planned…“ Obwohl er sich im Selbstmitleid suhlte, musste Taka verächtlich grinsen, als er den Song summte. Stimmt. Im Moment läuft wirklich nichts so, wie es laufen müsste. Er dachte wieder an die Zigarette und stand mit einem Ruck auf, holte seine Kippen aus dem Schulranzen, öffnete das Fenster und steckte sich trotzig eine an. Sollte seine Mutter doch kommen und sich noch mal aufregen, es war sowieso schon egal. Kaum hatte er einen tiefen Zug genommen, klingelte sein Handy wieder.
„Moshi moshi.“
„Taka! Mann, wo bist du? Bist du okay? Wir sind schon alle hier!“
„Wartet mal nicht auf mich. Ich habe den vollen Stress an der Backe. Der Poliko hat mich dankenswerterweise nach Hause gebracht und die ganze Nachbarschaft hat dabei zugesehen. Du kannst dir vorstellen, was hier los ist.“
Taka rollte seine Zigarette zwischen den Fingern hin und her und versuchte, einen Ring aus blauem Rauch zu formen. „Na und? Das hat dich doch noch nie von irgendwas abgehalten.“
„Echt Mann, hier ist die Hölle am Brodeln, ich komme hier nicht weg. Lass uns später noch mal reden, ich skype dich heute Abend an. Und dass keinem von euch einfällt, meinen Rekord bei Guitar Hero zu brechen.“
„Aber...“
Takafumi legte auf. Makoto konnte der beste Kumpel der Welt sein, aber manchmal nervte er nur, so wie jetzt. Diskussionen hatte Taka gerade genug hinter sich. Er zog noch mal an der Zigarette, während er aus seinem Fenster Löcher in das hellbraun getünchte Nachbarhaus starrte und sich dabei weiter seinem Selbstmitleid ergab. Doch dann bemerkte er die brütende Hitze des Nachmittags, die ihm wie ein heißer, feuchter Waschlappen ins Gesicht klatschte. Er schnippte den Zigarettenstummel über den niedrigen Gartenzaun nach unten auf die Straße, verfehlte dabei den dunkelblauen Getränkeautomaten nur knapp, der nachts immer wieder zu surren anfing, dann schloss er das Fenster wieder und warf seinen Computer an. ‚Wer weiß‘, dachte Takafumi, ‚wann ich das nächste Mal wieder online sein kann‘?

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