1993 - 1997

Inflames Ihm selbst ist das allerdings nur wenig bewusst. Zu groß sind der Eifer und der Enthusiasmus, die er NUCLEAR BLAST gegenüber an den Tag legt. Dass vieles einfacher sein könnte und etliches im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten laufen muss, ist Markus Staiger Anfang 1993 längst gewohnt. „Dadurch, dass ich Tag und Nacht damit beschäftigt war, NUCLEAR BLAST voranzutreiben, habe ich das Drumherum gar nicht so mitbekommen“, erinnert sich der Firmengründer heute. Sein Fokus liegt komplett darauf, alles zu geben. „Ich habe immer versucht, zusammen mit meinem Team den bestmöglichen Job für die Bands zu machen. Da gab es durchaus auch mal die ein oder andere Situation, wo man im Eifer des Gefechts erst hinterher gemerkt hat, dass etwas gar nicht so schlecht gelaufen ist.“

Hammerfall So erlebt der NUCLEAR BLAST-Initiator im Verlauf der Jahre 1993 und 1994, irgendwo zwischen einem durchgearbeiteten Wochenende und der unzähligsten Nachtschicht, den Firmen-Durchbruch: mit Hypocrisy, Dismember und Kataklysm lassen sich sehr gute Verkaufszahlen erzielen. Der Name NUCLEAR BLAST bahnt sich langsam aber sicher durch die internationale Presse. Wie sich schon bald herausstellt, beweist Markus Staiger auch mit neuen Signings wie Therion oder Amorphis einen exzellenten Riecher. Beide entwickeln sich nach und nach zum Szenetrend und sind noch immer beziehungsweise wieder auf seinem Label. Aus der Ein-Mann-Company entwächst eine Firma mit 15 Mitarbeitern und einem Ableger in den USA – NUCLEAR BLAST America. „Bei Therion hatte ich echt nicht gedacht, dass das so gut laufen würde“, freut sich der Donzdorfer heute noch über den Überraschungserfolg. „Das Vorgängeralbum »Lepaca Kliffoth« hat ja nicht so besonders gut funktioniert, aber »Theli« kam bei Fans und Presse gleichermaßen gut an und alle haben die Scheibe geliebt!“ In etwa zur selben Zeit nimmt Markus eine weitere richtungweisende Band unter Vertrag, die ihm noch viele schöne Erlebnisse bescheren wird: In Flames. Instinktiv spürt er bei dem Act, dass daraus etwas ganz besonderes werden könnte. Ähnlich geht es ihm rund ein Jahr später auch, als er auf einen Newcomer mit Namen Dimmu Borgir stößt. „Ich bin auf beide Bands nach wie vor sehr stolz“, sagt der Entdecker zweier absoluter Metal-Größen nicht ohne Grund. „Sie sind einfach genial. Als ich damals ihre NB-Debüts aus dem Studio erhalten habe, »The Jester Race« und »Enthrone Darkness Triumphant«, haben mich diese Platten so bewegt wie schon lange nichts mehr. Mir war bei beiden Bands klar, dass sie etwas ganz Besonderes geschaffen hatten, aber ich hätte niemals gedacht, dass sie so viel verkaufen würden. Die Scheiben laufen bis heute wirklich gut und sie sind absolute Meilensteine im Metal.“

Markus Staiger hat in Donzdorf trotz seiner ersten Erfolge – oder vielleicht gerade deshalb - den Exotenbonus inne, doch das steht bei ihm in all der Zeit ebenso wenig im Fokus wie die Tatsache, dass es langsam aber konsequent mit NUCLEAR BLAST bergauf geht. Während die Kleinstadt am Fuß der schwäbischen Alb über den jungen Mann mit dem ungewöhnlichen Vorhaben rätselt, konzentriert er sich voll und ganz auf seine Ziele. „Wenn man Metal-Fan ist und alles aufsaugt, was mit dieser Musik zu tun hat, dann hat man nicht mehr so viel Blick für andere Dinge“, beurteilt Markus heute die damalige Situation. „Sicher kriegt man ab und zu mit, dass die Leute staunen und dass sie sich wundern, dass man mit Metal so erfolgreich sein kann. Aber das sind dann meistens die Leute, die eben denken, die Welt bestünde nur aus kommerzieller Musik, und für alles andere fehlt ihnen die Vorstellung.“

Gorefest Die Sensation ist perfekt, als im Jahr 1995 mit Gorefests »Erase« schließlich der erste Chart-Entry glückt. Das Album steigt auf Platz 82 in die deutsche Hitparade ein und belohnt Markus und sein Team für ihr stetes und außergewöhnliches Engagement. Er erinnert sich noch gut daran. „Das war aufregend! Wir hätten selbst niemals gedacht, dass so eine harte Band in die deutschen Top 100-Verkaufscharts gelangen kann. Dort tummelte sich ja fast nur Mainstream. Es war einfach toll zu sehen, dass es doch mehr und mehr Leute gab die auf harten Metal standen.“

A propos „hart“: Weil mit den zunehmend größer werdenden Bands bei NUCLEAR BLAST auch die Arbeit und das Betätigungsfeld an sich wachsen, entspannt sich die Überstunden-Situation für Markus Staiger nicht wirklich. Nach wie vor arbeitet er bis zum Anschlag und sieht sich mit der Lage konfrontiert, niemals alles zu seiner vollkommenen Zufriedenheit erledigen zu können. „Es war schon oft hart, wenn man gemerkt hat, dass man, egal wie viel und wie lange man arbeitet, nie mit allem fertig wird“, weiß Markus noch gut. „Ich hatte immer so viele Ideen, konnte aber nie alles umsetzen. Das tut insbesondere dann weh, wenn man eben, so wie ich, als Fan an die Sache rangeht.“

Dimmu Borgir
Trotzdem bewegt Markus, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, Großes. Das Jahr 1997 bringt für NB wieder einen großen Schritt nach vorne. (birgt für NUCLEAR BLAST gar historischen Charakter). Nacheinander ziehen fünf Veröffentlichungen hintereinander in die deutschen Charts ein: Therion mit »A‘arab Zaraq« (Platz 98), Dimmu Borgir mit ihrem Album »Enthrone Darkness Triumphant« (Platz 75, als erstes Album des Genres Black Metal überhaupt), Crematory mit »Awake« (Platz 54) und In Flames mit »Whoracle« (Platz 78), sowie die Newcomer-Überraschung schlechthin, Hammerfall. Die Schweden schießen aus dem Nichts auf Platz 38 der deutschen Charts und bescheren der kompletten Musikindustrie ein völlig erstauntes Gesicht. „Hammerfall war schon eine spannende Sache: Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich das Tape bekam“, schmunzelt Markus. „Eine gewöhnlich Kassette war das damals und ich habe sofort gedacht, "Mann, sowas habe ich früher gehört!“ Die Ballade ‚Glory To The Brave’ hatte mich etwas an alte Scorpions erinnert und die anderen Tracks an Helloween, da Hammerfall deren typische Gitarrenleads drauf hatten. Aber dass die Platte so abgeht, hätte ich niemals gedacht. Sie ist bis heute das bestverkaufteste Debüt aller unserer Bands.“

Um das Jahr 1996 endet die Zusammenarbeit von Relapse Records und NUCLEAR BLAST AMERICA, woraus resultiert, dass NUCLEAR BLAST AMERICA eine eigenständige Firma wird. Damit wird unter dem Namen NUCLEAR BLAST AMERICA INC. schließlich eine offizielle eigene USA-Geschäftsstelle der NUCLEAR BLAST GmbH etabliert. Infolgedessen werden die Geschäftsräume 1997 von Millersville, Pennsylvania nach Tampa, Florida verlagert.

Gegen Ende 1997 verfügt NUCLEAR BLAST über mittlerweile 20 Mitarbeiter und kann vierteljährlich den 100 Seiten umfassenden Mailorderkatalog in 50 Länder versenden. Die Firma ist bereit für den nächsten großen Schritt.